XENOS-Panorama-Berlin

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Bericht zur Abschlusstagung des Projekt D

E-Mail Drucken

Das Projekt D entwickelte und erprobte zwischen 2009 und 2012 innovative Konzepte zur Stärkung der Diversitätskompetenz in der beruflichen Bildung. Im Rahmen der Abschlusstagung am 27. März 2012 wurden diese Konzepte, welche sich in die drei Säulen „Fortbildung“, „Kompetenzfeststellung“ sowie „Integrative Unterrichts- und Lernprojekte in der beruflichen Ausbildung Bau und Handel“ gliedern, von den Projektmitarbeitenden vorgestellt. Prof. Dr. phil. Jürgen Henze, Leiter des Instituts Vergleichende Erziehungswissenschaften II an der Humboldt-Universität Berlin erläuterte anschließend die wissenschaftlichen Perspektiven auf das Thema Diversity und Herr Stefan Knauer präsentierte die Ergebnisse der Projektevaluation.

Vielfalt verstehen und nutzen

Junge Menschen benötigen gerade beim Übergang von der Schule in den Beruf sowie während ihrer Ausbildungszeit Orientierung und Unterstützung. In Zeiten von Globalisierung und Migration setzen sich Berufsschulklassen und Ausbildungsgruppen jedoch zunehmend aus Jugendlichen unterschiedlichen Alters sowie verschiedener kultureller und sozialer Herkünfte zusammen, was AusbilderInnen, LehrerInnen und Betreuende vor immer größere Herausforderungen stellt. Sie werden mit einer breitgefächerten Vielfalt konfrontiert und es gestaltet sich für sie schwierig, auf individuelle Stärken und Bedürfnisse eingehen zu können. Doch diese Vielfalt – im Fachjargon als „Diversität“ bezeichnet – bedeutet nicht nur Herausforderung, sondern birgt auch große Chancen, um das Potenzial junger Menschen zu erkennen und zu nutzen. Es gilt daher, Diversitätskompetenz in die berufliche Fachausbildung zu integrieren und Jugendlichen zu verbesserten Chancen in Bildung und Ausbildung zu verhelfen.

Genau hier setzt das Projekt D an, das seit 2009 innovative Konzepte zur Diversitätskompetenz in der beruflichen Bildung erprobt und gezielte Fortbildungen für pädagogisches Personal entwickelt. Auf einer informativen Fachtagung am 27. März 2012 in Berlin präsentierten die Verantwortlichen nun die aufschlussreichen und nachhaltigen Ergebnisse, Konzepte und Ideen des auslaufenden Projektes. Das Projekt D baut hauptsächlich auf die drei Säulen „Fortbildungskonzepte“, „Kompetenzfeststellung“ sowie „Integrative Unterrichts- und Lernprojekte in der beruflichen Ausbildung Bau und Handel“, die in zwei Broschüren aufgearbeitet und auf der Fachtagung durch die Projektleiterin Gudrun Laufer und den Mitarbeiterinnen Claudia Foltin und Irina Leffers vorgestellt wurden.

Fortbildungskonzepte

Da Diversitätskompetenz in der Regel nicht Teil einer herkömmlichen Qualifizierung von Lehrkräften und Ausbildenden ist, hat das Projektteam Fortbildungen entwickelt, die sich der entsprechenden Kompetenzerweiterung verschrieben haben.

Innerhalb der viertägigen Fortbildung „Fit für Vielfalt“ wurde das pädagogische Personal der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen (GFBM e.V.) anhand von Reflexionsübungen, in Einzel- und Gruppenarbeit, Interaktions- und Rollenspielen sowie Fallbeispielen und Simulationsübungen für den Schwerpunkt kulturelle Vielfalt sensibilisiert.

Während die Fortbildung „Fit für Vielfalt“ darauf ausgelegt ist, die Teilnehmenden allgemein für das Thema Vielfalt zu sensibilisieren, konzentriert sich die 2-tägige Fortbildung „Muslimische Lebenswelten in Berlin“ auf die Schwerpunkte Religion, kulturelle Traditionen des Islam sowie Lebenslagen von Musliminnen und Muslimen in Deutschland – speziell in Berlin. Ziel ist es, das pädagogische Personal gezielt für die Grundzüge des Islam und die Vielfalt muslimischer Lebenswelten zu sensibilisieren, damit diese stärker und individueller auf Probleme und Bedürfnisse eingehen können. Beispielsweise geht es hier darum, sich mit gelebter muslimischer Religiosität auseinanderzusetzen, um angemessen darauf reagieren zu können, wenn ein Gläubiger während der Arbeit die islamischen Gebetszeiten einhalten möchte.

Um auf Besonderheiten spezieller Zielgruppen einzugehen, wurden beispielsweise für AusbilderInnen im Bereich Bauhandwerk differenziertere Workshops entwickelt, die die Themen „Zunftwesen“ und „auf der Walz“ berücksichtigen und wichtige Grundlagen sowie Fakten zum Islam in Kurzform vermitteln.

Kompetenzfeststellung

Konzentrieren sich die Fortbildungen auf die Vermittlung von Diversitätskompetenz, setzt das Kompetenzfeststellungsverfahren der GFBM darauf, die verborgenen persönlichen, fachlichen und sozialen Stärken, Interessen und Neigungen der Teilnehmenden aufzudecken. Mittels des sogenannten Potenzial-Ermittlungs-Assessment-Center P.E.A.Ce. ermittelt die GFBM seit beinahe zwölf Jahren berufliche Neigungen und Fähigkeiten von Jugendlichen mit oder ohne Migrationshintergrund. Ziel ist es, Potenziale zu erkennen und weiterzuentwickeln, um jungen Menschen eine stärkere berufliche Orientierung bieten zu können.

 

Ergänzend hierzu zielt das Verfahren „Kompass-Plus“ auf erwachsene MigrantenInnen und dokumentiert ihre im Heimatland erworbenen Kompetenzen und Qualifikationen. Wie jedoch lässt sich der kompetente Umgang mit Vielfalt in Kompetenzfeststellungsverfahren erfassen? Die Mitarbeiterinnen des Projekts entwickelten dafür ein Modul zu Diversitätskompetenz. In Anlehnung an die Methode des Sozialwissenschaftlers Dr. Dieter Euler wird versucht, Diversitätskompetenz in den drei Handlungsdimensionen „Erkennen“, „Werten“ und „Handeln“ zu messen. Dafür wurde ein Wissensquiz  entwickelt und die bekannte Simulationsübung „Bei den Derdianen“ modifiziert und angewendet. Ziel ist es, Heranwachsende damit zu konfrontieren, dass es verschiedene und fremde Regeln sowie Normen gibt, mit denen es konstruktiv umzugehen gilt.

Unterrichts- und Lernprojekte in der beruflichen Ausbildung Bau und Handel

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Projektes D war die Entwicklung von Unterrichtseinheiten und Lernprojekten im Bereich Bau und Handel, die erfolgreich an den Berliner berufsbildenden Oberstufenzentren „Holztechnik, Glastechnik und Design ‚Marcel Breuer‘“ und „Banken und Versicherungen“ erprobt wurden. Unterrichtseinheiten wurden demnach für den Berufsschulunterricht entwickelt, während die Lernprojekte in der praktischen Ausbildung stattfinden.  Ziel dabei ist es, Diversitätskompetenz in die fachliche Ausbildung zu integrieren.  Das dient der Erhöhung der Motivation der Auszubildenden, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, stärkt die Konfliktfähigkeit und trägt dazu bei,  professionelles berufliches Handeln zu entwickeln.

Durch den Diversity-Dschungel

Ein besonderes Highlight der Fachtagung war der Vortrag von Prof. Dr. phil. Jürgen Henze, Leiter des Instituts Vergleichende Erziehungswissenschaften II an der Humboldt-Universität Berlin. Mit einem unterhaltenden und die Teilnehmenden belustigenden kurzen Teaser („Italian man who went to in Malta“) stieg er ein und verdeutlichte so, wie leicht Missverständnisse durch verschiedene Sprachen und Kulturen entstehen können.

Bevor er sich mit der Definition von Diversity befasste, machte er deutlich, dass allein diese schon kulturell unterschiedlich ausfalle und z.B. in Australien viel stärker businessorientiert gestaltet ist (hier wird im Gegensatz zur europäischen Auslegung der „customer“, der Kunde miteinbezogen). Laut Henze gleicht das Thema „Diversity“ einem regelrechten Dschungel und er verwies darauf, dass es verschiedene Perspektiven auf die Welt gibt. Jedoch gebe es nicht das Wahre und das Falsche, sondern nur das „situativ angepasst Richtige“.

Seiner Meinung nach besteht die Brille, durch die man die Welt betrachtet und bewertet, aus drei großen Blöcken: Diversität, Interkulturalität und Intersektionalität. Interkulturalität versteht Henze dabei als einen Prozess und das Ergebnis einer Begegnung von Menschen unterschiedlicher kultureller Orientierung und sozialer Verortung. Diversity unterteilt er in zwei Ebenen: zum einen als Bestand personeller Vielfalt und zum anderen als Prozess der sich ständig verändernden Mischung vom Merkmalen, die sich das Individuum selbst zuschreibt oder von anderen als Zuschreibung erhält, um danach bewertet, behandelt und sozial verortet zu werden. Intersektionalität fasst der Erziehungsexperte schließlich als das Überschneiden mehrerer Merkmale auf.

Prof. Henze unterschied in seinem Vortrag zudem zwischen Diversity und Diversitymanagement. Geht es auf der einen Seite um Kompetenzentwicklung für bestimmte Situationen und Handlungen, konzentriert sich die andere Seite auf die Organisationsentwicklung. Im Verlauf des Vortrags stellte Henze ein 4-Stufen-Modell der US-Autorinnen Gardenswartz und Rowe vor, die als die führenden Köpfe in der Diversity-Theorie-Bildung gelten. Auf der ersten Ebene befindet sich als Kernelement von Diversity die Persönlichkeit des Individuums. Auf der zweiten Ebene findet man kaum veränderbare Zuschreibungsmuster wie Alter oder Geschlecht, während der dritte Ring Aussagen über Gewohnheiten etc. darstellt. Die vierte Ebene schließlich betrifft die organisationale Dimension wie das Arbeitsfeld oder Gewerkschaftszugehörigkeit. Die Kernthese des Modells der beiden US-amerikanischen Autorinnen ist, dass sich jedes Individuum durch die Markierung in diesen Schnittpunkten unterscheidet bzw. gestaltet und so Diversität zu identifizieren ist.

Zum Abschluss seines Vortrages fasste Henze nochmals zusammen, dass sowohl bei Diversity als auch bei Interkulturalität immer Unsicherheiten darüber bestehen, ob das Handeln von Menschen in einer aktuellen Situation maßgeblich kulturell beeinflusst wird oder weil die Situation eine besondere Konfiguration darstellt oder weil die Persönlichkeitsmerkmale der Person das Handeln dominieren. Diese Unsicherheit ist das zentrale Element, welches im Umgang mit Diversity und Kultur berücksichtigt vermittelt werden muss – denn es setzt Beobachtungsensibilität voraus, die Fähigkeit, Zuschreibungsmuster und Vorurteile zu blocken und Bewertungsmaßstäbe in Relation zu setzen.

Einen Audiomitschnitt des Vortrages können Sie hier hören.

Ergebnisse der externen Evaluation

Im anschließenden Beitrag blickte Stefan Knauer (Gesellschaft für Planung und Evaluation mbH), auf das Projekt zurück und lobte ausdrücklich die kontinuierliche Arbeit. So habe die Evaluation ergeben, dass im Rahmen des Projektes sowohl bei pädagogischem Personal als auch bei Auszubildenden ein handhabbares Verständnis von Diversität sowie Diversitätskompetenz entwickelt wurde.  Er betonte, dass für die vom Projekt abgedeckten Berufsfelder wirksame Anker für Diversitätskompetenz gefunden und daran anknüpfende Lernprojekte und Unterrichtseinheiten entwickelt, erprobt und dokumentiert worden sind. Diese gelte es nun nachhaltig in Ausbildungsprozessen und in stärkerer Kooperation mit Oberstufenzentren zu etablieren.

Bevor sich die Teilnehmenden dem abschließenden Fachaustausch widmeten, teilten sie sich auf drei Arbeitsgruppen auf, um sich nochmals vertiefend mit den 3 Säulen des Projektes D zu beschäftigen. Die Projektbeteiligten Linnea Keilonat, Irina Leffers, Vera Hüller und Claudia Foltin präsentierten hierbei konkrete Methoden der Vermittlung von Diversitätskompetenz und diskutierten mit den Teilnehmenden über deren Wirkung.

Eine ausführliche Dokumentation der Tagung finden Sie auf den Seiten des Projekts D.

 

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. Mai 2012 um 10:08 Uhr