Mission Possible: Das GründerInnencamp
In der schulischen Berufsvorbildung geht es fast ausschließlich um die Orientierung auf Ausbildung und anschließende Beschäftigung – eine „erste Schwelle“, an der oft Jugendliche aus Migrantenfamilien scheitern; das Projekt GIC setzt auf einen bisher fast vollständig ausgeblendeten Bereich: Wenn die berufliche Ausbildung zwar angestrebt, jedoch weitgehend nicht erreicht werden kann, dann könnte auch Selbstständigkeit zu einem Baustein im Berufsleben werden.
I. Die Ausgangssituation: Berufsvorbildung als Herausforderung
Der Verein LOK beschäftigt sich seit langem mit dem Problem der ersten Schwelle: dem Übergang Jugendlicher von der allgemein bildenden Schule in die Berufsausbildung. Die Expertise dieser Arbeit ist Grundlage des XENOS-Projekts GründerInnenCamp (GIC).
Ausgangspunkt des Projektes ist die Erfahrung, dass die Schule mit ihrem Bildungsangebot bei allen curricularen Anstrengungen, etwa im Zusammenhang des Arbeitslehreunterrichts, nicht genügt, um eine fundierte Orientierung der Jugendlichen in die Ausbildungs- und Arbeitswelt herzustellen. Jugendliche sehen sich daher im Verhältnis zum Ausbildungssystem oft ratlos. Dies trifft stärker noch auf Jugendliche zu, die Migrantenfamilien entstammen und oftmals zusätzlich am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Sie finden sich in einer Vielzahl ihnen nicht durchschaubarer Maßnahmen und Sondermodelle oder wenden sich von gesellschaftlichen Angeboten vollends ab, suchen weder Ausbildung noch Arbeit.
Geht es in der schulischen Berufsvorbildung – in der Arbeitslehre und in den obligatorischen Berufpraktika – fast ausschließlich um die Orientierung auf abhängige Beschäftigung, so will das GIC auf einen bisher fast vollständig ausgeblendeten Bereich aufmerksam machen: Wenn die berufliche Ausbildung zwar angestrebt, jedoch weitgehend nicht erreicht werden kann, dann könnte auch Selbstständigkeit zu einem Baustein im Berufsleben werden.
Das Vorhaben GIC setzt dabei auf eine öffentlich private Partnerschaft mit Schulen, um die Berufsvorbildung in diesem Sinne anzureichern. Es hat eine enge Zusammenarbeit mit dem Oberstufenzentrum (OSZ) in der Wrangelstraße und mit der Rütli-Schule in Neukölln aufgebaut.
II. Das Konzept GIC
Das Konzept von GIC beruht im Kern auf einer Aktivierung vorhandener Ressourcen: Es hat sich gezeigt, dass die Jugendlichen über Ideenreichtum und vielseitige Kompetenzen verfügen, derer sie sich oft gar nicht bewusst sind. So kommt es nicht selten vor, dass Jugendliche bereits verantwortlich mit einer gewissen Selbstständigkeit handeln: Sie helfen bei Freunden aus, richten Computer ein oder reparieren sie, machen verschiedene Besorgungen, putzen, kochen oder nähen. Dabei ist ihnen nicht klar, dass sie bereits erste Schritte in die Selbstständigkeit gehen. Das GIC ist nun bestrebt, den Jugendlichen zu helfen, diese Fähigkeiten als berufliche Kompetenzen zu erkennen und durch die Vermittlung zusätzlichen Handwerkszeugs die Möglichkeit zu schaffen, diese in eine berufliche Selbständigkeit zu überführen.
Das Vorhaben besteht aus drei gleichzeitig verschränkten und aufeinander bauenden Abschnitten:
- Aufsuchende Sensibilisierung sowie Information und Beratung wird in Schulen, (besonders in Abschlussklassen, weil in diesen das Orientierungsdefizit besonders hoch ist), bei Sportvereinen, in Jugendeinrichtungen und bei Bildungsträgern angeboten. Dabei kommt auch ein vom GIC offen und animierend ausgeschriebener Ideenwettbewerb zum Einsatz: Wer immer eine realistische oder auch abseitige Idee für ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäft hat, kann sich beteiligen. Die Teilnehmenden können Textkonzepte, Bilder, Videos, Rapsequenzen, Handyclips, Songs einreichen oder mit Tanz und Theaterstücken Einfälle vorstellen. Zwar will das Projekt vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund ansprechen, jedoch werden auch deutsche Jugendliche für das Vorhaben gewonnen. Gerade in der vielfältigen Zusammensetzung der Projektgruppen liegt die Chance für gemeinsames Lernen, Arbeiten und für gegenseitige Hilfe. Wer sich nach dieser Phase entschließt, an weiteren Angeboten des GIC teilzunehmen, kann das schnell, informell und natürlich freiwillig machen. Die Projektsequenzen bauen aufeinander auf: Im „Kreativlabor“ beginnen, um anschließend im „Inkubator“ weiter zu agieren.
- Das Kreativlabor ist eingerichtet worden, um Ideen zu erspüren und auszuarbeiten. Stadt- und Kiezerkundungen sollen den Jugendlichen zeigen, welche Produkte und Dienstleistungen offeriert werden, wo Unternehmen angesiedelt sind, wo Geschäfte und Häuser leer stehen, welche Lücken sich in Bezug auf Angebotsvielfalt zeigen. In Workshops wird Medienkompetenz erarbeitet, in ihnen sollen Vorstellungen und Ideen Gestalt annehmen. Auch werden Betriebsbesuche organisiert. Weitere Angebote dienen dazu, Bewerbungen und Präsentationen zu trainieren. Wer bereits aus der Schule eine Idee mitbringt, kann unmittelbar in das Projekt einsteigen. Ihm/ihr wird das notwendige Rüstzeug angepasst.
- Im Kernstück des Projektes, dem Inkubator, werden den Jugendlichen Arbeitsplätze, ein Experimentierfond, persönliche Beratung sowie Workshops über Grundlagenwissen zur beruflichen Selbständigkeit zur Seite gestellt, mit deren Hilfe sie in die Lage versetzt werden:
- eine Idee zum Konzept werden zu lassen
- die Gründung eines Miniunternehmens formal vorzubereiten
- einen Geschäftsplan zu erstellen
- diesen im Ansatz bereits zu verfolgen
- sowie ein Marketingkonzept anzulegen.
In jedem Halbjahr nehmen 16 Jugendliche am Inkubator teil. Das Projekt endet nach drei Jahren im Dezember 2011. Die Jugendlichen können aus allen Berliner Bezirken kommen. Sie machen untereinander Werbung für das Vorhaben, werden von Jobcentern vermittelt, und in den Schulen von den Projektmitarbeitern angesprochen. Die Beteiligung ist generell für die Einzelnen auf sechs Monate begrenzt, weil möglichst viele Jugendliche teilnehmen sollen.
Meist in einem 10-Wochen-Turnus finden Workshops zu verschiedenen Themen statt, der den Einstieg ins GründerInnenCamp jederzeit möglich macht. Freiwilligkeit ist dabei gleichzeitig Prinzip und Voraussetzung der Projektarbeit.
III. Strategische Kooperationen
Es werden Partnerschaften mit den Jobcentern angestrebt - mit den Jobcentern Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg funktionieren sie bereits gut. Eine Kooperation mit dem türkisch-deutschen Unternehmerverband wird genutzt, um öffentliche Fachgespräche einzurichten.
Die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene StreetUniverCity Kreuzberg profitiert bereits von den im GIC entwickelten Existenzgründungs-Modulen. Wie kaum eine andere ist diese Einrichtung fähig, die Stärken und die Probleme der Zielgruppe zu verstehen; sie hat es in der Vergangenheit immer wieder geschafft, Jugendliche von der Strasse und aus der Reserve zu locken, um sie bei einem selbst bestimmten Weg ins Leben zu unterstützen.IV. Ziele, Aufgaben, Methoden: das GIC als Lern- und Arbeitszusammenhang
Das Projekt GIC orientiert sich intentional an den drei Zielsetzungen:
- Mobilisierung und Motivierung junger MigrantInnen zu beruflicher Selbständigkeit
- Förderung interkultureller Bildung und Begegnung, Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Potenziale der jungen MigrantInnen und
- Entwicklung neuer Modelle der Berufsvorbereitung.
Jedes dieser Ziele erfordert ein bestimmtes Instrumentarium. Dieses kann am Beginn des Projekts noch nicht vollständig ausgebildet sein. Es entsteht während der praktischen Intervention und wird durch stetig wachsende Erfahrung vervollkommnet. In der ersten Projektphase wurde daher vor allem der Inkubator konzipiert und eingerichtet. Augenblicklich wird das Kreativlabor erprobt und weiter entwickelt.
Das GIC besticht durch seine innovative Methode zur Vermittlung interkultureller Bildung und Begegnung: interkulturelle Bildung und Begegnung entstehen nicht allein durch Training und Einrede, sie haben vielmehr Erfahrungsprozesse zur Voraussetzung, die sich im GIC-Kontext innerhalb der Projektarbeit ergeben. Die Jugendlichen mit ihrem je besonderen kulturellen Hintergrund arbeiten zusammen, sie hören einander zu, sie fassen gemeinsam etwas an, sie denken in der Gruppe über ein Problem nach, suchen zusammen nach Anregungen und Lösungen. Reibungen sind meist sachlich begründet, beruhen nicht auf grundsätzlichen Vorurteilen. Die Methode ist demnach der Austausch, die Schaffung der Räume zur Begegnung, die Logistik, die dazu notwendig ist. Dieser Weg einer gleichsam beiläufigen Bildung durch und in der Projektarbeit hat sich bisher als produktiv erwiesen.
Weiterhin stellt GIC durch die Anregung zur Reflektion über die eigene Herkunft und den kulturellen Hintergrund die produktiven Merkmale der Jugendlichen heraus: Wo Benachteiligung bisher Jugendlichen mit Migrationshintergrund, ohne Schulabschluss, aus sozial problematischen Regionen und Stadtteilen selbstverständlich war, soll nun Alleinstellung und Stärke sein. Das UnternehmerInnenprofil ist u.a. geprägt von Kommunikations- und Improvisationsvermögen, von Risikobereitschaft, von Willensleistungen, von sozialer Verantwortung, von Ideenreichtum, von Neugier und Erfahrungsbereitschaft. Wer die Jugendlichen der Zielgruppe kennt, wird feststellen, dass einige dieser Dispositionen ihr Überleben und Leben im Quartier bestimmen. Sie müssen sich behaupten, sie unterstützen sich, sie müssen improvisieren, sie arbeiten bei Freunden oder Verwandten, sie sind eigentümlich kommunikativ, grundsätzlich in der Lage, sich in zwei Sprachen auszudrücken. Diese Voraussetzungen kann GIC nutzen, um die Jugendlichen in die Bahnen zu lenken, die das Projekt anlegen und begehbar machen will.
Was theoretisch als ambitioniertes Ziel oft gefordert, jedoch praktisch selten erreicht worden ist - interkulturelle Denk- und Handlungsweisen in den Arbeitsalltag zu integrieren - kann mit dem GIC Ansatz praktisch verfolgt werden. Dieses Vorgehen verfertigt sich allmählich durch die praktische Arbeit zum Konzept.
Ein zu ehrgeiziger Ansatz, wird Benachteiligung zum Irrtum erklärt?
V. Erfolgsfaktoren
Das Vorhaben betritt Neuland. Wenn Angebote dort platziert werden, wo dringender aber bislang ungedeckter Handlungsbedarf besteht, müssen Aufmerksamkeit und Interesse nicht künstlich angeregt werden. Sie erscheinen so selbstverständlich, dass gefragt werden könnte, weshalb diese Leerstelle nicht längst besetzt wurde. Gleichwohl ist das Betreten des neuen Landes Schwierigkeit und Herausforderung zugleich. GIC hat mit seiner innovativen Strategie gute Chancen, diese Herausforderungen zu meistern:
- Durch die aufsuchende Beratung, gekoppelt mit unmittelbaren Hilfs- und Praxisangeboten werden Türen geöffnet, es ergibt sich ein gleichsam barrierefreier Zugang.
- Die Offenheit, das Engagement der Projektverantwortlichen, ihr Improvisationsvermögen wirken herausfordernd und motivierend. Sie werden von den Jugendlichen akzeptiert und ernst genommen, da sie auf gleicher Augenhöhe agieren und ihre Rolle mehr in der Weitergabe der eigenen fachlichen Erfahrungen und Kompetenzen als in der pädagogischen Arbeit verortet ist.
- Der Träger überzeugt mit methodischer und sachlicher Kompetenz, er ermöglicht eher Räume für Begegnung und handlungsorientiertes Lernen als dass er schulisch Wissen verabreicht
- Das Coaching der TeilnehmerInnen ist individuell angelegt und deshalb gut geeignet, scheinbar bereits festgelegte Biografien durch neue Weichenstellungen zu lösen
- Die Gruppen sind kulturell und geschlechtlich ausgewogen. Das wird nicht gesteuert, ergibt sich eher beiläufig und wirkt sich somit produktiv für den Projektprozess aus.
- Die alltäglichen Arbeitssituationen in den angebotenen Erfahrungsräumen Kreativlabor und Inkubator stellen eine selbstverständliche Form der Kooperation und Kommunikation her, die Ideenfindung und Ideenverwirklichung zur Aufgabe für alle macht.
- Die Partizipation der Zielgruppe an der Verfertigung des Vorhabens stellt eine produktive Gleichwertigkeit aller beteiligten Gruppen her. Die Ideen der Teilnehmenden sind ebenso wesentlich wie die Vorstellungen und Angebote der Projektverantwortlichen. So werden auch ausgefallene Ideen nicht von vornherein verworfen, sie werden vielmehr gebraucht, um am Beispiel Phantasie und Realität
- gegenüberzustellen oder auch um zu ergründen, welche Chancen Träume und Phantasien enthalten können.
- Weil keinerlei Zwang ausgeübt wird, weil die Teilnahme an Veranstaltungen, Workshops und Beratungen als ein offenes System verstanden wird, erwachen die Eigenverantwortung und damit die Selbstständigkeit im Sinne des Projektziels. Das wird von den jungen Menschen als eine neue und bereichernde Erfahrung empfunden.
- Das Projekt ist technologisch auf der Höhe, was die Jugendlichen als cool ansehen: sie können Skype und MSN nach Bedarf nutzen. Das Facebook-Profil verhilft ihnen zu einer zusätzlichen Präsentationsmöglichkeit.
VI. Herausforderungen
Das Vorhaben hat sich mit vier besonderen Herausforderungen auseinander zu setzen:
- Benachteiligung, Perspektivlosigkeit und ein Beharrungsverhalten der Zielgruppe in stereotypischen Verweigerungsmustern. Dem Vorhaben muss es gelingen, durch seinen niedrigschwelligen Ansatz neue Zugänge in ungewohnte Erfahrungsräume zu schaffen und negative Dispositionen zu überwinden.
- Existenzgründung muss als Perspektive erst eingeführt werden: es gibt oft Unkenntnis in den Bildungseinrichtungen und Vorbehalte bei Betrieben und Kammern. Man beharrt häufig noch auf der Abfolge: zuerst Ausbildung dann Selbstständigkeit – entweder, oder. Das im Vorhaben angelegte verbindende „und“ muss überhaupt erst noch wahrgenommen werden. Ausbildung und Selbstständigkeit wird im Projekt ebenso angestrebt wie die Orientierung zur Existenzgründung.
- Die Kontaktaufnahme und das Aufrechterhalten eines regen Austausches mit den strategischen Partnern erfordern großen Einsatz. In Anbetracht der beiderseitig begrenzten Kapazitäten hat sich GIC darum auf wenige exemplarische Partner beschränkt, in der Absicht, gelingende Kooperation als Referenz für weitere Partnerschaften auszuweisen
- Nicht alle Jobcenter erkennen GIC als ordentliche Maßnahme an. Das Projekt ist hier auf den guten Willen Einzelner angewiesen, wenn die Empfänger von Transferleistungen am Projekt teilnehmen wollen.
VII. Perspektiven
Die Arbeit soll so nachhaltig wirken, dass Existenzgründung als methodischer Baustein curricular einer weiterzuentwickelnden Berufsvorbildung allgemein- und berufsbildender Einrichtungen hinzugefügt werden kann. Die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes ist darauf angelegt, dieses Ziel zu erreichen. Foren, Seminare und Veröffentlichungen, Fachgespräche mit Unternehmen, Verbänden und Kammern sollen das Projekt über den Bewilligungszeitraum hinaus tragen. Gerade weil die Berufsbildung ihren weitgehend normativen Status überwinden muss, ist das Projekt geeignet, Maßstäbe zu schaffen. Wer in Zukunft Berufsorientierung bestimmen will, sollte die Initiative GIC nicht ignorieren.
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