XENOS-Panorama-Berlin

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Berliner XENOS-Projekte Projektportraits Portraits Portrait Berufseinstieg in Vielfalt
E-Mail Drucken

Making pace: Berufseinstieg in Vielfalt – ohne Ausgrenzung

„Wir begreifen das Projekt als eine Art Baustelle mit verschiedenen Gebäuden, die zu einem gemeinsamen Komplex gehören - nichts ist vollendet, aber vieles ist möglich“, so sehen die Verantwortlichen von LIFE ihre Aufgabe, auf Basis eines diversity-zentrierten Ansatzes junge Menschen  - insbesondere Mädchen, junge Mütter und junge Frauen in schwierigen Lebenslagen - beim Einstieg in die Ausbildungs- und Arbeitswelt zu unterstützen.

 

I.  Ausgangssituation:  Berufseinstieg als Herausforderung

Dass Vielfalt herausfordernd und gleichzeitig zu einer herkulischen Aufgabe wird, zeigt ein Blick auf die Zielstellungen und -gruppen des Vorhabens.

  • Jugendlichen und insbesondere Mädchen in allgemein bildenden Schulen, die aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, soll zu einer fundierten Berufsorientierung verholfen wer­den. Mit Hilfe vor allem dialogischer Verfahren sollen die vielfach versteckten Ressourcen dieser jungen Menschen hervorgehoben werden und in ihre Berufswahlentscheidung münden.
  • Junge - oft allein erziehende -  Mütter sind in besonderer Weise so belastet und benachteiligt, dass ihnen keine Zeit bleibt, eine Ausbildung in Vollzeit zu beginnen. Für sie soll mit Beratung, beruflicher Orientierung und verschiedenen Begleitangeboten der Weg über die erste Schwelle hin zu einer Teilzeitausbildung eröffnet werden.
  • Für junge Frauen in besonders schwierigen Lebenslagen am Ende ihrer außerbetrieblichen Ausbildung werden mit Hilfe von Beratung, Analysen und Recherche Wege in die Beschäftigung erschlossen.


II.  Das Konzept Berufseinstieg in Vielfalt

Das Vorhaben gründet auf einschlägigen Projekterfahrungen des Trägers, nimmt Methoden, Instrumente und Aktionsformen auf, passt sie unterschiedlichen Zielgruppen an und entwickelt sie dementsprechend weiter.

Alle am Projekt beteiligten Jugendlichen unterliegen multipler Ausgrenzung. Sie haben wegen ihres Migrationshintergrundes, ihres Geschlechts, ihrer Schulbiografie geringere Chancen im Verhältnis zu anderen Jugendlichen ihres Alters. Berufseinstieg in Vielfalt will deshalb die Jugendlichen dazu befähigen, ihre Chancen zu erkennen und zu nutzen. Diese werden im vorgezeichneten Bildungs- und Ausbildungsverlauf als solche nicht offenbar. Begabungsreserven sollen sichtbar sowie von den jungen Menschen und ihrer Umgebung erkannt werden. So können sie sie einerseits als Motivationsschub zum Überwinden persönlicher Hindernisse einsetzen und andererseits als Alleinstellungsmerkmal für eine günstige Positionierung auf dem Arbeitsmarkt nutzen.

Die Intervention richtet sich unmittelbar auf die oben angeführten Zielgruppen und schließt mittelbar das Umfeld ein, welches die Existenz der Jugendlichen augenblicklich prägt: die Eltern, die Lehrkräfte der allgemein bildenden Schulen, das Personal betrieblicher und außerbetrieblicher Ausbildung.

Mit gleichsam parallelen Aktionsformen soll den benachteiligten Jugendlichen dazu verholfen werden die Schwellen in Ausbildung und Beruf zu überschreiten, dabei fokussiert das Projekt vorrangig auf die persönliche Betreuung und Begleitung der einzelnen Beteiligten.


III.  Ziele, Inhalte, Methoden – das Projektals Lern- und Arbeitszusammenhang

Das Vorhaben hat den Anspruch eines holistischen Ansatzes. Die Arbeit mit drei unterschiedlichen Zielgruppen erfordert jedoch ein je besonderes Vorgehen - auch dann, wenn sich die Methoden und Aktionsformen grundsätzlich gleichen: sie müssen der jeweiligen Zielgruppe und der entsprechenden Zielstellung angepasst, verändert und erweitert werden.

1. Jugendlichen in allgemein bildenden Schulen soll zu einer fundierten Berufsorientierung verholfen werden, indem Eltern und das Lehrpersonal der Schulen dialogisch ein Konzept für Beratung, Hilfe und Weiterbildung erarbeiten. Gleichzeitig werden die Jugendlichen individuell betreut und mithilfe von Empowerment befähigt, ihre Ressourcen zu nutzen. So können besser als mit den bisher verwendeten normativen Vorgehensweisen Berufsorientierung und Berufsentscheidungen vorbereitet und erwirkt werden. Die Ziele werden mithilfe der folgenden Methoden verfolgt:
  • Für Lehrkräfte und Eltern werden Informations- und Fortbildungsangebote ausgearbeitet sowie Workshops eingerichtet. Das dabei angewandte dialogische Verfahren bindet SchülerInnen, Lehrpersonal und Eltern ein, um Berufsfindung und Berufsorientierung aussichtsreich dem Regelangebot der Schulen einzupassen.
  • Potentialassessments  in der berufsorientierenden Projektarbeit sollen den Stärken der Jugendlichen zum Ausdruck verhelfen. So wird auch deutlich, welche berufswichtigen Fähigkeiten eingebracht werden können. Indem Jugendliche sich ihrer teilweise verborgenen Kompetenzen bewusst werden, wächst ihr Selbstbewusstsein und schärft sich ihr Berufswahlprofil.
  • Veranstaltungen (Projekttage, Betriebsbesuche, etc.), bei denen die Jugendlichen sich mit dem Thema Diversity in der Berufswelt beschäftigen, tragen zur Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit den eigenen Kompetenzen, zur Kommunikationsfähigkeit und zur Reflektion über Vielfalt in der unmittelbaren Umgebung bei.
  • Blended Learning verbindet das Lernen am PC mit praktischen Experimenten und Erkundungen. Die Lernplattform Moodle als Werkzeug für Lernen und Kommunikation wird ergänzt durch Kurse, Trainingssequenzen und Projektarbeit.
  • Für einige bildungsaufstiegsorientierte Schülerinnen wird darüber hinaus ein Mentoring angeboten. Hier werden sie individuell von Studentinnen und Berufanfängerinnen mit ähnlichem Migrations- und Bildungshintergrund begleitet und erhalten praktische sowie ideelle Hilfestellungen für die Realisierung ihrer Ausbildungs- und Berufsziele. Als Senior Advisers stellen beruflich erfahrene Frauen ihre Erfahrungen Mentees und Mentorinnen zur Verfügung.
2. Junge - oft allein erziehende - Mütter werden bei der Wahl und Aufnahme einer Teilzeitausbildung unterstützt. Gleichzeitig sollen Betriebe für diese Form der Ausbildung gewonnen werden.

Die Betreuung der Teilnehmerinnen erfolgt durch

  • Einzelberatung und Potentialassessment, welche den jungen Müttern ihre Berufskompetenzen vor Augen führen und sie gleichsam motivieren sollen, bestehende Problemlagen gezielt in Angriff zu nehmen;
  • Gruppenarbeit zur Vermittlung elementarer Kompetenzen in Arbeits- und lebensweltlichen Kontexten;
  • Praktikumsbetreuung.

Die Betriebe werden:

  • Durch Informationsgespräche und -material für die Belange junger Mütter sensibilisiert;
  • Über Teilzeitausbildungen informiert und dafür angeworben;
  • Mittels einer Pool-Strategie sollen die Einzelkontakte zu einem Betriebspool für die Vermittlung der jungen Frauen werden.
3. Weibliche Auszubildende mit sozialer und individueller Benachteiligung werden während der Ausbildung begleitet und individuell auf den Übergang in den Beruf vorbereitet. Dazu bietet das Projekt:
  • Einzelberatung und -begleitung, um die Bedingungen kennen zu lernen und eventuelle Vermittlungshemmnisse an der zweiten Schwelle zu eruieren;
  • Individuell passende zweite und dritte Betriebspraktika;
  • Eine abschließende Potential- und Kompetenzanalyse mit der eine individuell passende Bewerbungsstrategie entwickelt wird.

 

IV.  Strategische Kooperationen

Der Projektträger kann sich auf  bewährte Netzwerke aus privaten und öffentlichen Trägern, Institutionen und Betrieben verlassen.

In den Bezirken Tempelhof-Schöneberg und Berlin Mitte kooperiert der Träger mit den Gremien der Jugendberufshilfe. Mit den Jobcentern und der Agentur für Arbeit arbeitet man in Berlin-Mitte, -Nord und -Süd zusammen. Ein Fachaustausch besteht mit der Technischen Universität Berlin. . Der Arbeitszusammenhang bezieht sich weiterhin auf Einrichtungen der Jugendberatung, zu Jugendtheatern und der Religionsvertretungen.

Darüber hinaus werden Kooperationen mit Ausbildungseinrichtungen, mit Trägern der Berufsvorbereitung, Betrieben und mit bezirklichen Einrichtungen gefestigt und ausgebaut.

 

V.  Erfolgsfaktoren

Weil das Projekt über entwickelte Kompetenzen, Kontakte und Kooperationsnetzwerke aus Vorgängerprojekten und über einschlägig erfahrenes Personal verfügt, kann es Schwierigkeiten voraussehen und flexibel begegnen.

Die Idee, das gesamte die jungen Menschen umgebende System – LehrerInnen, AusbilderInnen, Eltern, Betriebe – einzubeziehen, ist bei allen üblichen Anlaufschwierigkeiten in besonderem Maße geeignet, ressourcenorientiert zu arbeiten. Insbesondere wird mit dem sich ausweitenden und optimierten Mentoring-Ansatz erreicht, dass den Beteiligten stetig Beratung und Hilfe zuwachsen, die es gerade den Benachteiligtengruppen möglich machen individuelle Hemmnisse, wie Planungsunsicherheit, Ungeduld, internalisierte Misserfolgserfahrungen, Angst und Apathie zu überwinden.

Der Managing Diversity-Ansatz trägt in besonderem Maße dazu bei, Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund Chancen zu eröffnen, die ihnen mit konventionellen Verfahren vorenthalten wären.


VI.  Herausforderungen

Berufseinstieg in Vielfalt hat zur Aufgabe, drei Zielgruppen mit je besonderen Problemlagen über die Schwellen in Ausbildung und Beschäftigung zu führen. Weil die Aufgaben in Folge dessen breit gestreut sind, ergibt sich für den Projektträger nicht nur ein weit gefächertes Aufgabenfeld, sondern auch ein Strauß von Herausforderungen, seine ganzheitliche Orientierung zum Ausdruck und ihr zum Erfolg zu verhelfen.

  1. Eltern und Lehrpersonal der Schulen sollen dialogisch in die Beratung und Betreuung der Jugendlichen eingebunden werden und eine Unterstützungsfunktion übernehmen. Schwierig gestaltet sich hierbei vor allem die Einbindung der Lehrer_innen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: mitunter wird Sinn und Zweck eines Dialogs mit den Eltern nicht anerkannt, teils deshalb, weil ihnen das Interesse abgesprochen wird und sie nicht als gleichwertige Partner gesehen werden. Außerdem beanspruchen Umstrukturierungen den eigenen Berufsalltag und ein zusätzlicher Arbeitsaufwand, der von der Administration nicht anerkannt ist, wird gefürchtet. „ Wir haben da ein dickes Brett zu bohren“, so beschreiben die Mitarbeiterinnen des Projektes ihre Aufgabe, die sie durch verstärkte Überzeugungsarbeit und mit dem Nachweis guter vorbildhafter Praxis angehen wollen.
  2. Zur Schaffung von Teilzeitausbildungsplätzen müssen Betriebe angesprochen und überzeugt werden – auch aus eigenem Interesse – Ausbildung neu zu organisieren. Die für den Fachkräftenachschub problematische demografische Entwicklung scheint in diesem Zusammenhang ein gutes Argument zu sein, mit Teilzeitausbildung zusätzlich Ausbildungsplatzbewerber zu finden: Die Zukunft beginnt mit der Ausbildung von heute.
  3. Es ist nicht so ohne weiteres möglich, die verborgenen Ressourcen junger Frauen in prekären Lebenslagen zu erkennen und auszuschöpfen. Es ist also wichtig, die Ressourcenorientierung mit einer Analyse von Stärken und Entwicklungsbereichen sowie einer entsprechenden Aufarbeitung derselben zu verbinden. Wenn es gelingt, dass die Teilnehmerinnen ihre eigenen Potentiale erkennen und vertreten und ihre individuelle berufliche Perspektive entwickeln können, kann auch eine reelle Chance auf Einmündung in den Arbeitsmarkt entstehen.


VII.  Perspektiven

Schule und Schulpersonal sind auf Grund zunehmend erschwerter Rahmenbedingungen nur unvollkommen in der Lage, ihre Klientel auf die Arbeitswelt einzustellen. Gleichzeitig aber sind sie auch nicht immer willens oder in der Lage, sich neuen Anforderungen wie Elternarbeit, Fortbildung zur Migrations- und Diversity-Problematik zu stellen.

Wenn die von allgemeinbildenden Schulen und externen Trägern eingegangenen öffentlich-privaten Partnerschaften nachweisen können, dass ihre gemeinsame Projektpraxis erfolgreich ist, dann muss diese gute Praxis zum Regelangebot werden, dann müssen die Kompetenzen, die diesen Erfolgen jeweils zu Grunde liegen, Allgemeingut werden, dann muss diese erfolgreiche Praxis zum Teil des schulischen Curriculums werden.

 

zum Projektsteckbrief...