Martina - Marzahn-Hellersdorfer internationale Tage der Ausbildung
Die Akademie für Berufsförderung und Umschulung (ABU gGmbH) entwickelte aus langjährigen transnationalen Kooperationen die Idee eines internationalen Berufswettbewerbs, der nun das Higlight des XENOS-Projekts MARTINA darstellt: Im Rahmen einer Aktionswoche zeigen die Auszubildenden, welche Leistungen ihnen ihre landesspezifische Ausbildung möglich macht. Im Ausbildungsrestaurant, in den Lehrküchen, in der Tischlerwerkstatt wetteifern die Jugendlichen um das jeweils beste Ergebnis und stellen ihre Ergebnisse im öffentlichen Raum des Bezirks zur Schau. Für ihre Teilnehmer_innen bedeuten transnationale Arbeits- und Ausbildungserfahrungen fachlichen und überfachlichen Zugewinn, im Wettbewerb entsteht gegenseitiger Respekt, unterschiedliche Qualifikationen werden wahrgenommen und geschätzt.
I. Ausgangssituation
Die Akademie für Berufsförderung und Umschulung (ABU gGmbH) besteht als gemeinnütziger privater Bildungsdienstleister in Berlin/Marzahn seit 1990. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die ABU gGmbH zu einem wichtigen Bildungsträger in Berlin mit Hauptsitz in Marzahn und über 9 externen Standorten in anderen Berliner Bezirken entwickelt. Gegenwärtig werden etwa 1500 Teilnehmer_innen im gewerblich-technischen-, im Dienstleistungs- und im kaufmännischen Bereich aus- und weitergebildet, auf einen Beruf vorbereitet oder im Rahmen von Maßnahmen des Jobcenters beschäftigt.
Seit mehr als 10 Jahren orientiert sich die ABU gGmbH international. Für ihre Teilnehmer_innen bedeuten transnationale Arbeits- und Ausbildungserfahrungen fachlichen und überfachlichen Zugewinn, für die Einrichtung und den Bezirk entstehen durch grenzüberschreitende Kontakte neben wichtigem Imagegewinn neue Arbeits- und Aufgabenfelder. In diesem Kontext ist das XENOS-Vorhaben MARTINA als ein Meilenstein zu sehen.
Eine Fachexkursion zu einem polnischen Partner machte die ABU gGmbH auf einen Berufswettbewerb aufmerksam. Dieser Erfahrung entsprang die Idee, eine ähnliche Veranstaltung mit internationalem Charakter im Heimatbezirk zu initiieren.
II. Das Konzept MARTINA
Den Besuchern des Spree Center in Hellersdorf bot sich im Herbst 2009 Ungewöhnliches – Junge Menschen aus 5 europäischen Ländern zeigten, was sie in ihrer Ausbildung gelernt hatten: Angehende Verkäufer_innen türkischer Herkunft führten den Besucher_innen türkische Brotsorten und andere landestypische Spezialitäten vor; zukünftige Köche_innen und Restaurantfachleute aus Polen, Italien und Weißrussland zeigten, wie sie Salate und Fingerfood zubereiten, sie kredenzten selbst gemixte Cocktails, und sie demonstrierten ihre Fähigkeit, Festtafeln attraktiv zu gestalten. Tischlerlehrlinge aus Spanien, Litauen und Polen demonstrierten gemeinsam mit ihren Gastgebern Ergebnisse ihrer Ausbildung. Die Besucher_innen, vor allem auch die deutschen Auszubildenden, würdigten die Präsentationen, in dem sie die ausländischen Jugendlichen befragten, um Tipps baten oder sich verabredeten. Vorbehalte gegen die Fremden gab es nicht.
Die Präsentation war ein Teil der Aktionswoche Marzahn-Hellersdorfer Internationale Tage der Ausbildung (MARTINA), die einmal im Jahr junge Menschen aus europäischen Ländern zusammenbringt, um im Wettbewerb zu zeigen, welche Leistungen ihnen ihre landesspezifische Ausbildung möglich macht. Im Ausbildungsrestaurant, in den Lehrküchen, in der Tischlerwerkstatt wetteifern die Jugendlichen um das jeweils beste Ergebnis. Nach Kriterien, die von einer unabhängigen, multinational zusammengesetzten Jury erarbeitet wurden, ermittelt man die Besten. Die Resultate werden während eines Tages im Spree Center vorgestellt und prämiert.
Die Aktionswoche wird von den Beteiligten als „Highlight“ des Projektes beschrieben. Flankierend werden ganzjährig transnationale Aktivitäten wie berufliche Auslandspraktika bzw. Exkursionen für Auszubildende durchgeführt.
Neben den teilnehmenden Auszubildenden der ausländischen Partnereinrichtungen sollen insgesamt 450 deutsche Jugendliche, die bei der ABU gGmbH und in Betrieben der Stadt ausgebildet werden, während der Projektlaufzeit an den Wettbewerben, an Aktionen und Veranstaltungen der Aktionswoche teilnehmen. Weitere Auszubildende sind indirekt an der Aktionswoche beteiligt, indem sie diese logistisch unterstützen.

III. Strategische Kooperationen
Für MARTINA sind Kontakte zu Unternehmen besonders wichtig. Sie müssen gehalten, neu gebaut und gepflegt werden, um wie im Fall der Aktionswoche Auszubildende aus Betrieben für die Veranstaltung zu gewinnen. Dabei hilft der Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreis e.V, dem die ABU gGmbH angehört. Vor allem geht es darum, die Unternehmen zu veranlassen, ihre Auszubildenden für die Aktionswoche freizustellen. Die Arbeitsagentur Berlin Mitte sichert die Kofinanzierung des Projekts.
Das „Bezirkliche Bündnis für Wirtschaft und Arbeit Marzahn-Hellersdorf“ (BBWA) dient als Plattform zur Sicherung der Unterstützung des Projekts durch die regionale Politik. Wirtschaft und Arbeitsmarktverwaltung sorgen für Öffentlichkeit und Offenheit (etwa die Vorstellung des MARTINA-Projekts in der BBWA-Steuerungsrunde). Der Bezirk unterstützt die Aktionstage und gewinnt doppelt: Die Jugendlichen zeigen, dass Internationalität den Bezirk freundlich erscheinen lässt, und die Begegnungen tragen zur Urbanität des Stadtteils bei. Über die Städtepartnerschaftsvereinigung des Bezirks konnte der Kontakt zu einer Berufsschule in Minsk hergestellt und damit erreicht werden, dass Azubis aus Weißrussland am Wettbewerb teilnehmen können.
Zentral für die internationalen Aktivitäten des XENOS-Vorhabens ist weiterhin das Netzwerk europäischer Partner, welches zur Zeit 7 Organisationen aus 5 Ländern umfasst. Eben entstehende Anbahnungen werden das Netz erweitern.
IV. Ziele, Inhalte, Methoden
„Marzahn hat seinen schlechten Ruf zu Unrecht. Es ist wichtig zu zeigen, dass wir international sind.“, das ist das gemeinsame Credo der unmittelbar Beteiligten und der unterstützenden politischen und wirtschaftlichen Institutionen.
Interkulturelles Lernen wird von der ABU gGmbH als das Ergebnis eines Erfahrungsprozesses gesehen. Dabei ist das Erfahrene wörtlich zu nehmen. Man arbeitet zusammen, man sieht Neues, man lernt voneinander, man riecht und schmeckt fremde Speisen, hört unbekannte Sprachen, man wird neugierig. Mit der Aktionswoche gelingt, was sich auch in der jahrelang geübten transnationalen Praxis der Akademie zeigte: Immer wenn Erfahrungsräume geöffnet werden, wenn Jugendliche die Möglichkeit bekommen, Herausforderungen zu bestehen, wenn sie zeigen können, was sie tatsächlich zu leisten vermögen, entsteht ein Klima der Offenheit. Wann immer die Auszubildenden mit Jugendlichen aus anderen Ländern kooperieren oder sich im Wettbewerb messen, achten sie einander, lernen sich kennen, beginnen Freundschaften. Im Wettbewerb entsteht gegenseitiger Respekt, unterschiedliche Qualifikationen werden wahrgenommen und geschätzt. Stolz und Selbstbewusstsein wachsen mit den Aufgaben, die erfolgreich geleistet und öffentlich wahrgenommen werden.
Niemand kann so etwas vermitteln – Erfahrungen geschehen unvermittelt. Vermittlung liegt allein darin, dass man Erfahrungen vorbereitet, unterstützt und auswertet. Um interkulturelles Lernen möglich zu machen, haben die Verantwortlichen sich immer wieder Neues einfallen lassen. Für die ABU gGmbH sind Ziel und Methoden ihrer transnationalen Arbeit identisch: Die Methode liegt im Austausch, in der Begegnung. Sie umfasst die gemeinsame Arbeit, das kooperative Lernen, Das Ziel und das Ergebnis sind das interkulturelle Lernen. Die Aktionswoche ist ein Ergebnis dieser Überlegungen.
V. Erfolgsfaktoren
Dass die ABU gGmbH im Bezirk verankert ist und gleichzeitig sich immer wieder neu um öffentliche Präsenz bemüht, ist mit entscheidend für die Akzeptanz der Akademie im Allgemeinen und für den Erfolg des Vorhabens MARTINA im Besonderen.
Indem man im Stadtteil - also vor der eigenen Haustür – beginnt mit internationalen Gästen zu üben, zu arbeiten, zu wetteifern, kann in der Öffentlichkeit deutlich werden, dass die fremden Gäste keine weitere Gefahr neben den vielen tatsächlichen oder projizierten Gefahren bedeuten. Die Geschäftswelt und viele Ausbildungsbetriebe sind in das Vorhaben – teils als Sponsoren – integriert. So gelingt es quasi konzertiert, die öffentliche Wahrnehmung zu stimulieren.
Die jugendlichen Beteiligten sind zum Teil durch vorgängige Auslandspraktika, auch über die Berichte erfolgreicher Auslandaktionen vorbereitet und angeregt, MARTINA als einen integralen Teil ihrer Ausbildung zu schätzen. Weil sich erwiesen hat, dass Auslandserfahrungen den Schritt über die Schwelle in Beschäftigung erleichtern können, entsteht zusätzliche Motivation für das Projekt.
Der Bezirk beteiligt sich an dem Projekt. So erfährt die Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen produktiven Anstoß. Wenn die Bezirksbürgermeisterin Frau Pohle als Patin des Vorhabens MARTINA als einen spezifischen Beitrag zur Entwicklung von Marzahn-Hellersdorf zu einem toleranten und weltoffenen Berliner Bezirk beschreibt, wird deutlich, dass MARTINA dem Bezirk Chancen eröffnet. Die bestehenden Städtepartnerschaften werden vitalisiert, neue Kontakte entstehen und können genutzt werden.
VI. Herausforderungen
Der Aktionstag selbst baut auf Vielfalt. Deshalb will die ABU gGmbH beständig neue ausländische Partner in das Programm integrieren. Weil aber der Eigenbeteiligung der Partner oft enge Grenzen gesetzt sind, ABU nur ausnahmsweise die Kosten übernehmen kann oder auch nicht immer Sponsoren findet, die helfend einspringen können, bleibt die finanzielle Absicherung ein stetiges Problem.
Auslandspraktika finden in den Ferien statt, da keine Fehltage entstehen dürfen. Ausbilder und Jugendliche werden deshalb besonders für ihre Teilnahme- und Leistungsbereitschaft herausgestellt. Bisher musste der Veranstalter viel Mühe aufwenden, Auszubildende aus der betrieblichen Ausbildung zu beteiligen. Weil aber die bisherige Praxis enorme Zustimmung erfuhr, der Ansatz von MARTINA mittlerweile verstanden wurde – ab und an hatten einzelne Betriebe den Eindruck, die Beruflichkeit trete hinter das Touristische – erwartet man eine verstärkte Beteiligung, zumal die aufsuchende Ansprache der Projektverantwortlichen intensiviert werden soll.
Die Internationalisierung der beruflichen Bildung beruht auch auf gelingender Kommunikation. Performante Kenntnisse der jeweils fremden Sprache der ausländischen Partner wären hilfreich. Allein es existiert kein fremdsprachendidaktisch tragfähiges Konzept für die fremdsprachliche Vorbereitung der Praktika und berufsorientierte Begegnungen. Diese Herausforderung stellt sich tatsächlich Allen, die sich um transnationale Mobilität in der Berufsausbildung bemühen.
VII. Perspektiven
Eine Konzeption zur Internationalisierung ist immer darauf angelegt, Vorurteile und Stereotypen, die in Bezug auf Regionen jenseits der Grenzen bestehen, durch Kenntnisse zu überwinden, soziale Scheu mit Hilfe von Begegnungen abzubauen, Furcht vor Risken zu bewältigen. Das kann geschehen, indem Erfolgsgeschichten und vorbildhafte Verfahren vorgestellt und analysiert werden. Das wird auch durch das Projekt MARTINA geschehen.
Ermöglicht durch XENOS ist eine weitere Gestaltungsmöglichkeit für regionale Entwicklung entstanden. Wenn Transfer als Möglichkeit konzeptionell ausgearbeitet und damit nutzbar wird, dann sind die Ergebnisse der vielen transnationalen Kooperationen des Trägers als Antizipation zu sehen, die Handlungschancen für die Zukunft bereithalten.
Die ABU gGmbH trägt mit ihren Aktionen dazu bei, den Beteiligten konkret und der lokalen Öffentlichkeit allgemein zu zeigen, was möglich und was notwendig ist, wenn grenzüberschreitend in der Aus- und Weiterbildung agiert wird.






