I. Ausgangssituation – Kommunikation als Aufgabe
Die Wille gGmbH - ein Unternehmen des Evangelischen Johannesstifts und des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte - ist seit Jahren darum bemüht, Projekte in Gang zu setzen, die jugendlichen Benachteiligten und jungen Erwachsenen in Alltag, Ausbildung und Beruf zu verbesserten Chancen verhelfen.
In der Berufsvorbereitung, der Arbeitsförderung in der Aus- und Weiterbildung entstanden beispielhafte Methoden und Vorgehensweisen. In besonderer Art und Weise hat die Einrichtung erkannt, dass Schlüsselkompetenzen nicht nur entscheidend wichtig für Integration und gesellschaftliche Kohäsion sind, sondern dass sie auch einer ständigen inhaltlichen Erweiterung und methodischer Vermittlung bedürfen. Dies erfordert zusätzliche Qualifizierungen der Fachkräfte, die mit diesen Entwicklungen Schritt halten müssen, wenn sie in unterschiedlichen gesellschaftlichen Arbeitsfeldern mit Gruppen in Ausbildung oder Berufspraxis pädagogisch interagieren. Dieser Aufgabe stellt sich das Projekt JobSkills.
II. Das Konzept JobSkills
Der Arbeitsansatz verknüpft den Erwerb sozialer Kompetenz mit interkultureller und interreligiöser Bildung, womit ein umfassender Begriff von Schlüsselkompetenz entsteht. Das pädagogische Personal in Schule, Ausbildung, Jugendhilfe, im Strafvollzug in der Fort- und Weiterbildung muss sich u. a. auf interkulturell geprägten Arbeitsfeldern mit Problemen auseinandersetzen, die seiner Ausbildung und beruflichen Sozialisation nicht zu Grunde lagen. Es muss in Folge dessen zunächst diese neuen Bedingungen reflektieren lernen, um sich dann der Vielfalt zu nähern, die eine neue Facette im Kontext von sozialer Kompetenz ist. Vielfalt – Managing Diversity – erfordert die bewusste Auseinandersetzung mit Menschen unterschiedlicher, oft fremder Kulturen, Religionen und Lebensweisen.
JobSkills nutzt die Erfahrungen, Methoden und Ergebnisse früherer Vorhaben des Trägers mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen, um ein modulares Lern- und Trainingssystem für Multiplikatoren zu erarbeiten. Verbindendes Element ist dabei das aktive, erfahrungsorientierte Lernen, das gebündelt und Menschen zur Verfügung gestellt wird, die selbst mit Gruppen an der Vermittlung sozialer, interkultureller und interreligiöser Kompetenz arbeiten.
Projekt begleitend entstehen Qualifizierungsmodule für
- kommunikative Kompetenz
- Konfliktbewältigung
- interkulturelle und
- interreligiöse Kompetenz.
Diese Module sind Bausteine eines Curriculums, welches als Werkzeug die Arbeit mit und in heterogenen Gruppen erleichtern und verbessern hilft. Sie enthalten gleichzeitig Hinweise und Instrumente für je individuell bestimmte Problemlagen.
Die JobSkills-Modulerichten sich fachübergreifend an Multiplikatoren – sie sind allerdings so angelegt, dass sie die inhaltliche Arbeit, das Wissen und die Kenntnisse des Lehr-/Lernfeldes aufnehmen. Damit verbinden sie Methodenkompetenz mit der Vermittlung von Kenntnissen und Informationen über die Lebensweisen, Haltungen, Kulturen unterschiedlicher Religionen und Regionen.
Wer immer das modular angelegte Curriculum durchläuft, weist damit eine wichtige Zusatzqualifikation nach. Der Träger strebt für einen Sozialkompetenz-Lehrgang die formelle Zertifizierung an, ein aufwendiges institutionelles Prüf- und Abstimmungsverfahren, das allerdings zur nachhaltigen Verankerung und Verbreitung beitragen kann.
III. strategische Kooperationen
JobSkills baut auf die vorgängigen Projekte Drop in, Job Art oder Job Kick und profitiert damit vom guten Ruf, der erfolgreiche Projekte begleitet. Alle früheren Kooperationspartner stellen ihre Arbeitsfelder für den neuen Anwendungszusammenhang bereit.
Die wesentlichen strategischen Partner
- Evangelisches Johannesstift Berlin (Soziale Fachschulen und Fortbildungsabteilung)
- Diakonie Stadtmitte (Ausbildung von Stadtteilmüttern)
- Landeszentrale für Politische Bildung (Fort – und Weiterbildungen für Multiplikator/innen)
- Bundesakademie für Kirche und Diakonie (Weiterbildungen für Multiplikator/innen)
- Berufsfachschule für Sozialwesen Berlin Charlottenburg (Unterrichtsimplementierungen)
arbeiten mit benachteiligten einzelnen Menschen oder Gruppen, oder werden mit diesen zu tun haben, wenn sie ihre Ausbildung beendet haben. Das Klientel ist ethnisch, religiös, sozial und kulturell sehr differenziert zusammengesetzt. Interkulturelle Orientierung und interreligöser Respekt entstehen Projekt und Arbeit begleitend in der Interaktion und flankiert von kundiger Information durch Foren, Fachtagungen, Vorträge und Hospitationen.
Die Evangelische Fachhochschule ist nicht nur Kooperationspartner des Projektes, sie begleitet in besonderer Weise die formative Evaluation des Projekts.
IV. Ziele, Inhalte, Methoden – JobSkills als Lern- u. Arbeitszusammenhang
Als Projekt des XENOS- Programms ist die übergreifende Intention des Vorhabens, Demokratie, Toleranz und interkulturelle Akzeptanz zu fördern.
Grundlage für die Vermittlung dieser Inhalte ist ein methodisches Konzept, das auf die Lerntheorie von David A. Kolb [1] zurückgeht. Lernen zielt hier in erster Linie auf die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit, hin zu Autonomie und Selbstverwirklichung. Es wird damit zu einem lebenslangen Prozess der Entfaltung des individuellen Potenzials in der Verknüpfung von Bildung, Arbeit und persönlicher Entwicklung. Kolb stellt die individuelle Erfahrung in das Zentrum des Lernens und verknüpft auf diese Weise Lernen als ganzheitlichen Prozess, der Erfahrung, Denken und Verhalten kombiniert. Kolbs Lerntheorie fügt dem Behaviorismus und Kognitivismus nicht eine weitere Alternative hinzu, sein Konzept nimmt eine neue, verbindende Perspektive auf Lernen ein. Als prägend für die Entwicklung seiner Lerntheorie bezeichnet Kolb neben Dewey, Lewin und Piaget auch die beiden „radical educators“ Paulo Freire und Ivan Illich.
Eine mögliche, konkrete Umsetzung dieses theoretischen Hintergrundes ist der Ansatz des Forum Theaters. Er bietet die Möglichkeitt, Konflikten und Sichtweisen zu authentischem Ausdruck zu verhelfen. Ursprünglich von Augusto Boal als Theater der Unterdrückten in Südamerika erfolgreich in Slums eingesetzt, um einen breiten Diskurs über die Welt von morgen in Gang zu setzen, dient es dem Träger dazu, Szenen aus dem Alltag einem identisch betroffenen Publikum vorzustellen. Gemeinsam suchen dann Akteure und Zuschauer nach Handlungsalternativen für allfällige Konfliktsituationen. Die Lernziele dieser Arbeit entsprechen denen, die auch dem Projekt zu Grunde liegen:
- die Persönlichkeit soll gestärkt
- Emphatie gefördert
- Wahrnehmungsfähigkeit erweitert
- Kommunikations- und Teamfähigkeit verbessert
- Verantwortungsbereitschaft befördert und
- soziale Kompetenz durch soziales Lernen erwirkt werden.
Und natürlich ergeben sich auch bestimmte, auf Theater zurückgehende, Kompetenzen wie Improvisationsfähigkeit, Präsentationsmut, bewusstes körperliches Ausdrucksvermögen. Die bewusst eingesetzten Rituale werden auch in anderen Arbeitsformen des Trainingszusammenhangs wichtig und selbstverständlich genutzt (Warming ups, Simulationen, Spiele). Dazu kommen gruppendynamische, spielpädagogische, animatorische Elemente, um lebensnah in und mit heterogenen Gruppen soziale Kompetenz zu erreichen. Dieser Methodenmix wird sowohl in der Arbeit mit Fachkräften realisiert wie auch mit Jugendlichen, mit denen sie zu tun haben. In den Kursen und Lehrgängen für die Multiplikatoren wird Handlungskompetenz betont: Für den Lehrer wie etwa für den Sozialarbeiter ergeben sich damit methodische Gemeinsamkeiten – die Aufmerksamkeit für die eigene Wahrnehmung und die Wirkung auf Andere, das Durchspielen von eingeübten und möglichen neuen Handlungsoptionen in je unterschiedlichen beruflichen Situationen. Methodisch geht es also immer darum, eigenes Verhalten zu zeigen, zu reflektieren sich neuen Erfahrungen zu öffnen und ggf. damit im beruflichen Alltag Veränderungen zu bewirken. Es geht also nicht primär um Wissensvermittlung, sondern um die Eröffnung neuer Handlungs- und Sozialkompetenzen für die Teilnehmenden.
In dieser Weise erhält das Trainingskonzept von JobSkills einen stark performativen Charakter, der die emotionale Seite der Person aktiviert und lebensweltliche Bezüge herstellt. Die im Training durchgespielten Szenen aktivieren Phantasien, Ängste, (verborgene) Neigungen und Talente der Teilnehmenden, um sie mit Kenntnissen, Informationen und Erfahrungen anzureichern. So kann Training bewirken, dass
- Offenheit entsteht, wo Grenzen sind
- Neugier auftaucht, wo Vorurteile herrschen und Stereotypen blind machen
- Respekt möglich wird, wo Diffamierung des Gegenübers Stärke ausdrücken sollte
- Kommunikation Sprachlosigkeit ersetzt.
Managing Diversity ist wesentlicher Bestandteil des Trainings im oben beschrieben Zusammenhang. Wo immer Kulturen und Religionen aufeinander treffen wird es spannend:
- Lebensformen sind den jeweils Beteiligten fremd
- Die Familienverhältnisse unterscheiden sich gravierend
- Tischsitten und Speisen sind je andersartig
- die Chancen in Ausbildung und Beruf sind oft ungerecht verteilt
- Ausdrucksweisen erscheinen fremd und anmaßend.
Auch monotheistische Religionen sind hinsichtlich ihrer Rituale, moralischen und ethischen Grundsätze vielgestaltig. Die jeweilige Religionszugehörigkeit führt junge Menschen allzu häufig in Konflikte. Diese müssen verstanden, ausgehalten und schließlich akzeptiert werden. Auch hier setzt der Träger methodisch darauf, dass (neue) Begegnungen und Wahrnehmungen ermöglicht, Verhalten erlebt und möglicherweise verändert – nicht in dem es vorschnell bewertet und stereotypisch einsortiert wird. Praktisch eingelöst wird dieser Ansatz etwa auch damit, dass Angehörige verschiedener Religionen im Trainer-Team arbeiten.
V. Erfolgsfaktoren
JobSkills ging eine Bedarfsanalyse voraus, die bei den bewährten Kooperationspartnern durchgeführt worden ist. Deshalb konnten die Projektverantwortlichen auf deren Expertise bauen und zugleich mit den Partnern die Konzeption JobSkills realisieren, auswerten und sie somit fortlaufend bedarfsgerecht anpassen. Zudem hat sich gezeigt, dass eine umständliche Einwerbung von Personal für die Fortbildungen nicht notwendig geworden ist. Der Bedarf musste nicht erläutert werden, er war von den Kooperationspartnern zuvor bekundet worden.
Weil das Diakonische Werk, der Berliner Verband für Arbeit und Ausbildung (bvaa), der Kirchenkreis Berlin Stadtmitte sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) die Arbeit von JobSkills unterstützen und verbreiten, entstand ein breites – die Projektverantwortlichen zusätzlich motivierendes – Interesse als erfolgreichen Fortgang der Arbeit.
JobSkills ist dem bewährten Wille - Ansatz Aktiv Lernen und Lehren verpflichtet. Nachdem in vorgängigen Projekten mit Jugendlichen soziales Kompetenztraining begonnen wurde, baut die Qualifizierung von Fachkräften auf beständig angereicherten Erfahrungen und bewährten Konzepten und Methoden auf.
Weil das Vorhaben Ressourcen der augenblicklichen und der zukünftigen Beteiligten nicht nur unterstellt sondern nutzt, wirken sich tatsächlich auch vorhandene Schwächen nicht diskriminierend aus: Wenn Stärken hervorgerufen werden, gleichen sich Defizite aus.
VI. Herausforderungen
Den Projektansatz verbreitet – etwa in Schulen – anzuwenden, bleibt Aufgabe und Herausforderung. Das pädagogische Personal in Schulen ist mental und physisch dermaßen belastet, dass Fortbildung als Wunsch immer wieder vorgetragen, seine Verwirklichung jedoch durch die Arbeitsbedingungen nachhaltig erschwert wird.
Die Perspektive „Zertifikat“ ist als Auftrag durchdacht, als Ziel begründet, als Aufgabe noch nicht bewältigt. Weitere Bündnispartner werden sich erst finden lassen, wenn das Curriculum insgesamt vorliegt, die modularen Instrumente vervollständigt sind und sich bewährt haben.
VII. Perspektiven
Wenn es gelingt – unter anderem auch mit einer konzertierten Strategie etwa der strategischen Partner und anderer XENOS-Projekte – Verantwortungsträger in Politik und Verwaltung mit der gewachsenen Professionalität des Ansatzes vertraut zu machen, könnten verbesserte Rahmenbedingungen für den Erwerb von Schlüsselkompetenzen entstehen. Es ist Max Fuchs von der Akademie Remscheid zuzustimmen, wenn er auf der Fachtagung des Trägers ausführt …“natürlich lässt sich eine andere Form der Pädagogik sofort und an jedem Ort beginnen. Allerdings gilt auch, dass sie wieder politischer werden muss … sie muss sich viel mehr in die Gestaltung politischer Rahmenbedingungen einmischen“.
Eine derartige Intervention übersteigt die Möglichkeiten eines einzelnen Trägers, deshalb bemüht sich das Vorhaben um eine breite Bündnispartnerschaft.
[1] Kolb, David Allen (1984): Experiential learning. Englewood Cliffs, N.J.: Prentice-Hall.






