Berufsbildende Träger und Schulen für Demokratie, Gleichwertigkeit und Pluralismus
Das Projekt der regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V. fördert die demokratische Kultur und Rechtsextremismusprävention an den Berliner OSZ und Einrichtungen der beruflichen Bildung.
I. Ausgangssituation
Rechtsextreme Einstellungen, Alltagsrassismus und Diskriminierungen machen nicht Halt vor den berufsbildenden Einrichtungen. 40 Berliner Oberstufenzentren (OSZ) werden von ca. 90 000 Jugendlichen besucht. Bei freien Trägern werden ungefähr 30 000 junge Menschen ausgebildet oder auf einen Beruf vorbereitet. Die regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V.haben seit 2005 soviel Expertise für den Umgang mit Rechtradikalismus und für die Auseinandersetzung gegen Diskriminierungen in allen gesellschaftlichen Bereichen gesammelt, dass ein Unterstützungssystem in diesem Bereich überfällig erschien. Dieses soll auf drei Ebenen intervenieren:
- Rechtsextremismusprävention in der Beruflichen Bildung
- Vielfalt und Respekt in der beruflichen Bildung und
- Demokratische Kultur in Schule und Ausbildung.
Der Träger setzt auf Aufklärung und Handeln. Er bezieht alle Gruppen innerhalb und im Umfeld der Schule ein, die nur im Zusammenspiel und mit gegenseitigem Respekt zu Verhaltensänderungen und letztlich einer demokratischeren Schulkultur beitragen können. Das XENOS-Projekt der RAA versteht sich als ein praktischer Teil dieser Intention.
II. Das Konzept
Unter der Devise Informieren, Argumentieren, Handeln werden verschiedene Angebote gemacht wie Fortbildungen für das Bildungs- und Ausbildungspersonal, Seminare für Auszubildende und Schüler/inne und die Jugendausbildungsvertretungen, Veranstaltungen an Oberstufenzentren und bei anderen Einrichtungen der beruflichen Bildung, Medien und Materialien gegen Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Einflussnahmen, Vernetzung der Aktionsfelder und Akteure.
Kontakte zu den Schulen entstehen im Rahmen der zentralen Fortbildungen und von aufsuchender Information und Beratung. Sie ergeben sich auch, wenn die Einrichtungen sich an die RAA wenden, weil sie unterstützt werden wollen. Das Projekt empfiehlt ein Handlungskonzept mit acht Handlungsfeldern für Einrichtungen der beruflichen Bildung:
- Kooperation mit Arbeitgebern
- Kooperation mit außerschulischen Partnern
- Erarbeitung von Schulprogrammen mit schulischen Steuerungsgruppen
- Kooperation mit Schulpersonal und Jugendlichen
- Aktionen: Lesungen, Filme, Projekte – etwa: Schule ohne Rassismus (SOR)
- Unterstützung für die Schülervertretung
- Integration von einschlägigen Themen in den Unterricht
- Verhaltensregeln bei rechtextremen Ereignissen – Erarbeitung von entsprechenden Passagen in den Hausordnungen der Einrichtungen.
III. Methoden, Inhalte, Strategien
Bezogen sich die Interventionen der RAA in der Vergangenheit vor allem auf rechtsextreme und fremdenfeindliche Haltungen, die vornehmlich dem einheimischen Herkunftsdeutschen Milieu zugeschrieben worden sind, hat sich der Arbeitsansatz nun erweitert. Diskriminierung ist umfassend und trifft Minderheiten überall. Mit dem XENOS-Vorhaben ist intendiert, pädagogisch angelegte Handlungsstrategien gegen jede Form von Diskriminierung (der Hautfarbe, der Religion, des Geschlechts, der sexuellen Präferenzen, des Lebensalters) zu erarbeiten und anzubieten. Auch richtet sich die Arbeit auf Jugendliche aus den verschiedenen Migranten-Communities, denen eigentümliche und je besondere Animositäten gegen andere Ethnien, Minderheiten oder Einzelpersonen zuzuschreiben sind. Eine besondere Ausprägung der Feindschaft gegen Juden erfordert andere Interventionsformen, als die, welche den vielen deutschen Jugendlichen zugedacht sind, die rechtsextremen Parolen gegenüber aufgeschlossen sind.
Insgesamt ergänzt sich die Arbeit gegen rechte Orientierungen mit entschiedener Vorbereitung auf die Arbeits- und Berufswelt: es wird in der Arbeitswelt durchaus als ein Ausbildungs- und Beschäftigungshindernis gesehen, wenn Jugendliche mit fremdenfeindlichen, rassistischen oder nationalistischen Äußerungen auffällig werden. Das gilt nicht nur für den Tourismus und Gastronomiebereich. Jedes Unternehmen im Dienstleistungsbereich – zumal wenn es international agiert – gerät in Schwierigkeiten, wenn sein Personal sich fremdenfeindlich verhält.
Wer mit Jugendlichen arbeitet und mit deren rechtsextremen Äußerungen konfrontiert wird, reagiert vielfach tief verunsichert. Es tauchen Fragen auf wie: Was darf ich machen? Was muss ich machen? Ist, was juristisch geboten ist, auch pädagogisch sinnvoll? In Workshops werden Antworten auf solche Fragen zusammen mit den Teilnehmer/innen erarbeitet. Ausgangspunkt ist die juristische Basisinformation: Verfassung und Grundrechte, Strafgesetzbuch, Jugendschutzgesetz, Indizierungsverfahren, Schulrecht. Anhand von Fallbeispielen und von selbst erarbeiteten Materialien wird den Teilnehmenden die Möglichkeit geboten, Methoden auszuarbeiten, die die Handlungsspielräume des Gesetzgebers nutzen und die pädagogisch sinnvoll sind.
Die Arbeit der RAA beruht auf Handlungsorientierung. Indem man gemeinsam mit Schülern und Schulpersonal die Hausordnung verändert, Regeln findet, Projekte plant und begleitet, wird der Schule zu einer demokratisch geprägten Identität verholfen. Die Schulen – exemplarisch ist die Arbeit mit dem OSZ Lotis – werden angeregt, nach den Prinzipien der erfolgreichen Projekte Schule ohne Rassismus und Schule mit Courage (SOR- SMC) zu arbeiten. Das Personal der Schule, sowie die Schüler und Schülerinnen verabreden sich zu einem gewaltfreien, offenen und demokratischen Miteinander. Es geht nicht darum, sich an einer einzelnen Person abzuarbeiten, sondern den Aktionen der Rechten etwas Erlebbares entgegenzusetzen. Es soll spürbar werden, dass gegen Normen verstößt, wer eine Weltanschauung vertritt, die mit der Demokratie nicht vereinbar und ganz einfach uncool ist.
Das Konzept des Projektes integriert Elemente aus der antifaschistischen Pädagogik, der zivilgesellschaftlichen Intervention und Ansätze der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen. Antifaschistische Arbeit kann nur leisten, wer die Positionen Jugendlicher kennt und sie als Gesprächanlass, nicht als Gesprächsabbruch sieht. Mit zivilgesellschaftlicher Handlung werden demokratische Akteure gestützt, um damit rechtsextreme Tendenzen einzuschränken. Sie sollen vor Ort Einfluss auf Diskurse nehmen und versuchen, diese zu bestimmen.
IV. Kooperationen
RAA arbeitet mit dem Integrationsbeauftragten des Landes Berlin, der Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit und anderen strategischen Partner zusammen wie: MUT gegen Rechts, MBR (Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus), Reach Out, der Bildungsstätte Haus Kreisau. Es bestehen überdies Kooperationen mit Oberstufenzentren, freien Trägern und gewerkschaftlichen Initiativen.
V. Erfolgsfaktoren
Der Arbeitsprozess folgt der Richtlinie Informieren, Argumentieren, Handeln. Für alle Bereiche stehen umfangreiche Materialien und Medien zur Verfügung oder werden im Projektprozess erarbeitet: Es hat sich als hilfreich erwiesen, informiert und argumentativ gerüstet auf Diskriminierungen und auf rechtsextreme Positionen reagieren zu können.
Da die RAA sich auf das ganze Geschehen konzentriert, auf Lehrer, Schüler und ihre Vertretungen – und methodisch variabel agiert – durch Mediation, Fortbildung, durch gute Beispiele kann ein Unterstützungssystem entstehen, das den Akteuren hilft, eigene Ressourcen zu entdecken, und zu nutzen. Man setzte erfolgreich auf die Möglichkeiten, die mit den Erziehungs- (§ 62 BerlSchulG) oder Ordnungsmaßnahmen (§ 63 BerlSchulG) gegeben sind. Darüber kann konsequent eingegriffen werden, um etwa signalstarke Kleidungsstücke zu untersagen, Vorfälle in Klassenbüchern zu fixieren, Klassenkonferenzen einzuberufen oder auch Verweise auszusprechen.
Das Projekt ermutigt und befähigt Pädagogen, Anleiter und Trainer sich zu positionieren. Nur wenn Grundwerte vertreten – also vorgelebt werden – lassen sich Reflexionen hervorrufen. Vorurteile ändern sich nicht zuletzt auf Grund von Einsicht. Gibt man sich nicht der Mühe hin, aufklärend zu wirken, hat man keine Voraussetzungen für neues und unterschiedliches Denken und Handeln.
Als Verbandvertreter oder Unternehmensleiter den Jugendlichen vortrugen, was sie sich unter vorurteilfreier Kundenorientierung vorstellen, erreichten sie leicht die Akzeptanz der Jugendlichen. Diffamierung von Fremden, Ausländern, Migranten oder Minderheiten seien keinesfalls hinzunehmen, Intoleranz gefährde jedes Geschäft, man könne an der Gesellschaft nicht beteiligt sein, wenn man Feindschaften konstruiere.
Es ist festzustellen, dass Wirkungen erzielt werden, wenn erfolgreiche und maßgebliche Personen, darlegen, dass Menschen nicht beschimpft und diffamiert werden dürfen, wenn man sie als Partner gewinnen möchte.
VI. Herausforderungen
Die Kooperation mit Ausbildungsbetrieben soll besser ausgearbeitet werden, als das bisher möglich gewesen ist. Welche Aktionsformen hier insbesondere gewählt werden –aufsuchende Informationen und Beratungen, Runde Tische, Konfliktmanagement – ist noch weitgehend offen.
Im Vergleich zur gut entwickelten Arbeit in den OSZ ist die Arbeit gegen Rechts bei den Freien Trägern der Berufsbildung nicht entsprechend ausgearbeitet. Weder existiert eine dem Schulgesetz entsprechende ordnungspolitische Regelung, noch hat das Personal dort einen den Lehrern in OSZ entsprechenden Status. Das Arbeitsfeld ist oft hierarchisch ausgerichtet, Mitwirkungsrechte weitgehend unbekannt, gewerkschaftliche Organisierung unentwickelt. Man steht am Anfang und hat sich zur Aufgabe gesetzt, das Handlungskonzept mit den acht Handlungsfeldern für diese Träger weiter zu entwickeln. Es muss in diesem Kontext zunächst darum gehen, die Voraussetzungen zu klären, unter denen Arbeit gegen Rechts begonnen werden kann:
- Was denken die Beteiligten selbst über die Möglichkeiten derartiger Intervention?
- Welche Demokratiekompetenzen braucht die Gesellschaft im Umbruch?
- An welchen Entscheidungen sollten die Ausbildungs- und Lehrkräfte beteiligt sein?
- Was kann in der (vor-)beruflichen Bildung getan werden, damit sich bei der jeweiligen Zielgruppe Interesse an demokratischer Mitgestaltung entwickelt?
VII. Perspektiven
Gefährlich ist, wenn individuelle Ausgrenzungserfahrungen mit organisierter Ungleichheitsideologie zusammentreffen. Nationalistische, rechtsextreme und zunehmend islamistische Gruppen machen Sinnangebote, die dann fruchten, wenn Zugänge zur gesellschaftlichen und beruflichen Partizipation fehlen. Pädagogische Arbeit bedarf der aufklärerischen Anstrengung; sie wird in dem Maße erfolgreich sein, wie sie Jugendlichen den Schritt in die Arbeits- und Berufswelt tatsächlich erleichtert.






