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Raus aus der Einbahnstraße

Das im Rahmen des XENOS-Sonderprogramms "Ausstieg zum Einstieg" geförderte Projekt unterstützt Jugendliche/junge Erwachsene beim Abbau rechtsextremer Einstellungen. Über eine Kombination von Angeboten politischer Bildung und Berufsorientierung sollen den Teilnehmenden Perspektiven zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration aufgezeigt und bei deren Umsetzung individuell geholfen werden.

 

I. Ausgangssituation

Der Bezirk Lichtenberg hat ein Imageproblem: Platte, Nazis, Stasi – wer will hier wohnen, investieren oder Unternehmen etablieren? Die Rahmenbedingungen des Bezirks – hohe Arbeitslosigkeit, wenige Einrichtungen der Jugendarbeit, Jugendliche ohne Schulabschluss und ohne berufliche Orientierung – begünstigen rechtsradikalen Einfluss. In dieser Situation sind Projekte wichtig, die junge Menschen umfänglich ansprechen, ihnen Perspektiven aufzeigen, die Schwellen in Ausbildung und Beschäftigung ebnen. Wenn Jugendlichen neue Erfahrungsräume geöffnet werden, können sie begründet rechtsextremen Einflüssen widerstehen. Diesen Aufgaben stellt sich publicata e.V. mit dem Projekt „Raus aus der Einbahnstraße“, das im Rahmen des XENOS-Sonderprogramms „Ausstieg zum Einstieg“ gefördert wird.

 

II. Das Konzept

Fremdenhass, Nationalismus, Diskriminierung von Minderheiten gleichen mentalen Einbahnstraßen. Wer den Weg in die Gesellschaft sucht, muss Einbahnstraßen öffnen, also neue Wege anlegen und gangbar machen.

Der Träger hat seit Beginn seiner Arbeit grundlegende Expertise im Bereich kultureller und berufsorientierender Jugendarbeit erworben. Das XENOS-Projekt – angelegt für Schul- /Ausbildungsabbrecher und arbeitslose Jugendliche mit „rechtsaffinen“ Einstellungen – verbindet aufklärende politische Bildung mit Berufsorientierung. Indem Jugendliche für ihr eigenes Leben und realistische Berufswege aufgeschlossen werden, ihnen Orientierungen im Alltag und in der Freizeit vermittelt und Angebote zu Sport, Exkursionen und Veranstaltungen gemacht werden, verlieren rechtsextreme Ansichten und Milieus ihre Verführungskraft.

 

III. Methoden und Inhalte

Dem Projekt geht es darum, für Rechtsradikalismus empfängliche oder von der Ideologie beeinflusste Jugendliche Angebote zu machen, die aus oftmals sozial und individuell prekären Lebenslagen herausführen können. Die Schwelle zu Ausbildung und Beschäftigung ist für diese Jugendlichen oft eine Phase bedrohlichen „Hängenbleibens“. Ihnen fehlt es an Schlüsselkompetenzen, ohne die ein Weg in die Gesellschaft nicht gangbar ist:  Die Interventionen geschehen auf zwei ineinander greifenden Ebenen: aufsuchende Angebote politischer Bildung – rund um das Thema Alltagsrassismus/Rechtsextremismus an schulischen und berufsbildenden Einrichtungen und Einzelbetreuungen. Das Projekt will mit  praktischer Arbeit in gut ausgestatteten Werkstätten oder in Freizeiteinrichtungen Kompetenzerleben ermöglichen, das häufig berufliche Orientierungen und Entscheidungen erleichtert. Die Projektarbeit bestimmen zwei Determinanten:

  • Prävention,
  • Intervention.

Das Projekt ist mobil und arbeitet dezentral. Es sucht die Einrichtungen im Bezirk auf und moderiert bei Konflikten, wenn es dazu aufgefordert wird. Im Zuge des Coaching kann – je nach Einzelfall – ein breites Unterstützungsrepertoire eingesetzt werden. Dazu gehören Gespräche mit Eltern, Jobcenter oder möglichen Ausbildungsbetrieben ebenso wie Konflikt- oder Antigewalt-Trainings. Kommt es zu Beschäftigung oder Ausbildung, sind Projektmitarbeiter auch längerfristig im Bedarfsfalle ansprechbar. Das umfangreiche Netz des Trägers erleichtert den Weg in Betriebe und öffentliche Einrichtungen. Der Zugang in das Vorhaben ist offen für alle Jugendlichen. In den Werkstätten verbindet sich praktische Arbeit mit fachlichem Zugewinn. Es entstehen Bewerbungsportfolios, die Suche von Ausbildungsplätzen wird von Hilfen zur Bewerbung begleitet.

Dem Vorhaben gingen Entwicklungen voraus. Bereits mehrere Jahre ist Lichtenberg in einem Förderprogramm für Toleranz und Demokratie des Bundesfamilienministeriums vertreten. Seit der Bezirksfusion mit Hohenschönhausen im Jahr 2001 hat die Bezirksverwaltung zudem mehrere Initiativen gegen den Rechtsradikalismus gestartet. Das Projekt interveniert, indem es die zivilgesellschaftlichen Kräfte in Lichtenberg vernetzt. Damit wird vermieden, dass die Bevölkerung sich polarisiert. Jugendliche legen Wert auf soziale Anerkennung und auf die Akzeptanz. Sie lassen von rechtextremen Äußerungen und Handlungen ab, wenn sie merken, dass sie mit ihren Ansichten als uncool und als gestrig abgelehnt werden. Wenn der öffentliche Raum gegen jegliche Form von Rassismus verteidigt wird, dann werden die demokratiefeindlichen Kräfte zurückgedrängt.

 

IV. Kooperationen

Der Träger arbeitet im Verband für interkulturelle Arbeit (VIA) und im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Am Projekt sind das Bezirksamt Lichtenberg, das Jugendamt Lichtenberg, das Jobcenter und pad e.V. als Kooperationspartner beteiligt. Das Angebot richtet sich an Eltern und Erziehungsverantwortliche, an Schulen und Oberstufenzentren, an Jugendeinrichtungen, Betriebe, Vereine und Projekte.

 

V. Erfolgsfaktoren

Das Projekt ergänzt die Arbeit von Schulen, Projekten sowie Bildungs- und Freizeiteinrichtungen.  Der Angst, die verschiedentlich dem Angebot entgegen tritt – wer es annimmt outet sich als (politisch) problembehaftet –  begegnet der Träger durch gute und individuell zugeschnittene Präsentation des Vorhabens. In den Freizeiteinrichtungen und Werkstätten des Trägers sorgen gemeinsam erarbeitete und verbindliche gemachte Regeln für ein friedliches und kommunikatives Zusammenwirken.

Weil die Mitarbeiter ohne Vorbehalte ihre Arbeit beginnen – sie setzen nichts voraus, sie wissen um Defizite und schätzen die Ressourcen der TeilnehmerInnen – können sie die Arbeit in den Werkstätten, die Begegnungen, die Exkursionen, die Sportevents so gestalten, dass Sozialkompetenz und Arbeitstugenden entstehen, die entscheidende Voraussetzungen für die Integration in Ausbildung und Beschäftigung sind.

Dass auf die Beteiligten kein Druck ausgeübt, dass mit kundiger Geduld aufgeklärt wird, wo Ignoranz, Indifferenz und Indolenz vorherrschten, dass Ernst und Vertrauen anstelle von Bevormundung und Einrede treten, macht den Jugendlichen Mut, sich etwa gegen Drohungen und Beschimpfungen von Minderheiten zu stellen, wie sie in rechten Milieus gepflegt werden. Oft ist den Jugendlichen gar nicht bewusst, dass unterschiedliche Sichtweisen in Bezug zu Religionen, Weltanschauungen, zu Israel, zu Menschen mit schwarzer Hautfarbe, zu sexuellen Verhaltensdispositionen existieren. Wenn es gelingt, Jugendlichen, die sich noch nie in Minderheitensituationen befanden, etwa im Zuge von Aktivitäten in gemischten Gruppen zu erstmaligen positiven Erfahrungen zu verhelfen, können sich Vorurteile auflösen.

Durch das Projekt hat der Träger die Chance, sein Netz kontinuierlich auszubauen und seine Arbeit auf längere Dauer auszurichten, Hilfe anzubieten auch dann, wenn die ersuchenden Einrichtungen knapp bei Kasse sind.

 

VI. Herausforderungen

Es ist schwer Jugendlichen darzulegen, dass Diskriminierung das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen in der Demokratie erschwert oder unmöglich macht, wenn gleichzeitig die Auseinandersetzungen in der Gesellschaft zum Thema Migration offenbaren, dass die von einer Mehrheit geäußerten Ressentiments als Meinungsfreiheit betrachtet werden.

Das Projekt setzt hier auf die Kraft ihrer Argumente und lebenspraktische sowie berufliche Unterstützung. Den vom Projekt unterstützten Jugendlichen entsteht eine verbesserte Chance, die Schwelle in Ausbildung zu überwinden. Die Kontakte zu Betrieben jedoch sind noch nicht soweit ausgebaut, dass die erwirkte Ausbildungsreife passgenaue betriebliche Ausbildung zur Folge hätte. Zugleich gilt es, mit dem Widerspruch umzugehen, dass trotz schlechter Arbeitsmarktsituation und bestehendem Niedriglohnsektor Jugendliche motiviert werden sollen, eine Ausbildung oder Arbeit anzufangen bzw. aufzunehmen.

Der Transfer des Vorhabens soll begleitend bedacht und eingeleitet werden. Wie die Arbeit jedoch ohne Projektförderung sich weiter entwickeln lässt, bleibt augenblicklich offen. Es sind die spektakulären, gewaltgeprägten Auseinandersetzungen von Jugendlichen, welche Öffentlichkeit hervorrufen und die Gesellschaft zu Interventionen veranlassen. Gelungene Integration hingegen bleibt weitgehend unsichtbar. Deshalb hat erfolgreiche Arbeit oft keine Fortsetzung.

 

VII. Perspektiven

Berlin kann ohne Vielfalt nicht leben. Integration als Querschnittaufgabe aller gesellschaftlichen Lebensbereiche sollte alle Institutionen zu Lernenden machen. Interkulturelle, integrative Projekte wie publicata sie mit seinem Vorhaben angelegt hat, sind geeignet, diesen Wandel durch seine beispielhafte Praxis voranzubringen. Im Zweifel für die Integration ist ein Gebot der Gegenwart, das den Weg raus aus der Einbahnstraße weist.

 

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