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JugendtheaterBüro Berlin

Im Projekt "JugendtheaterBüro Berlin" organisieren Jugendliche weitgehend eigenständig ein internationales Jugendtheaterfestival. Die so erworbenen Fähigkeiten werden mit begleitender Wissensvermittlung ergänzt - diese Kombination soll den Jugendlichen zu einer vertieften Berufsorientierung verhelfen und sie zu erweiterten und konstruktiven Handlungskompetenzen befähigen.

I. Ausgangssituation

Die Chancen vieler Moabiter Jugendlicher mit Migrationshintergrund eine Ausbildung zu beginnen ist - nicht zuletzt begründet durch das schlechte Kiezimage aber auch die durchschnittlich niedrigen Qualifikationsniveaus, verbreitete Perspektivlosigkeit u.v.m. - verschwindend gering. Das Selbstbewusstsein der Jugendlichen sinkt in dem Maße, als sich für sie im Maßnahmekarussell von berufsorientierenden Projekten bis zur Berufsvorbereitung keine Ausbildungs- oder Berufsperspektive ergibt. Der Träger Initiative Grenzen-Los! e.V. hat sich mit seinem Projekt Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) die Berufsorientierung und damit langfristig die Integration dieser Jugendlichen in Ausbildung und Beschäftigung als Aufgabe gestellt. Bereits schon vor ihrer Vereinsgründung im Jahr 2007 erarbeitete und präsentierte die Initiative  mit Jugendlichen verschiedene Theaterproduktionen. Die Erfahrungen aus dieser Arbeit bilden die Grundlage für das XENOS-Projekt JTB.


II. Das Konzept

Das Projekt zielt darauf, im Jahre 2011 ein internationales Jugendtheaterfestival zu veranstalten. Das Team des JTB versammelt zu diesem Zweck Jugendliche um mit ihnen dieses Festival auszuarbeiten, zu organisieren und durchzuführen.

Die Projektteilnehmenden werden während der Entwicklungsarbeit mit der umfangreichen Theaterarbeit vertraut gemacht. Ensemble, Kostüm-, Bühnen- und Maskenbau, Veranstaltungstechnik, Veranstaltungsmanagement, Mediengestaltung, Öffentlichkeitsarbeit sowie Organisation/Büro bilden das Spektrum der Tätigkeiten, unter denen sie wählen können und die sie unter Anleitung weitgehend selbständig übernehmen.

Die Jugendlichen sollen dadurch entscheidende Zugewinne an sozialen und fachlichen Fähigkeiten erreichen. Ihre Sozialkompetenz wächst in dem Maße, wie ihre eigenverantwortliche Mitarbeit zu produktiven Ergebnissen führt. Viele Jugendliche nehmen zum ersten Mal bewusst persönliche Fähigkeiten und Kompetenzen bei einer zielgerichteten Arbeit wahr. Aus diesem reflektierten Erleben entstehen gleichsam Lebens- und Berufsorientierung, auch über die im Projekt ausgeübten Tätigkeiten und den entsprechenden Berufsprofilen hinaus.

Verknüpft mit der praktischen Entwicklungsarbeit sind Workshops, in denen Themen wie Kinder- und Menschenrechte, Toleranz und Demokratie, Rassismus und Diskriminierung behandelt werden. Der Träger sieht dieses Arbeitsprinzip vor, um den Wissenshorizont der beteiligten Jugendlichen so zu erweitern, dass die praktische Projektarbeit durch ein Verständnis politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge gestützt wird.


III. Kooperationen

Das Netzwerk ist umfangreich und auf die Praxis hin angelegt. Es umfasst etablierte Theater und Kulturbetriebe (so ist z.B. der Leiter des Gripstheaters Schirmherr des JTB), Publikationsorgane ebenso wie Träger der Jugendarbeit und Stiftungen. Kooperationspartner aus der Berufsbildung helfen dabei, die Praxiserfahrungen des Vorhabens den Standards der Berufsorientierung anzupassen unter anderem, indem sie Projektteilnehmenden Praktika anbieten. Das Quartiersmanagement arbeitet ebenfalls mit dem JTB zusammen, ist doch der Träger zu einem wichtigen Partner für die Arbeit im Kiez geworden. Die Vernetzung mit der lokalen und regionalen Wirtschaft steht auf der Agenda, ebenso wie eine intensivierte Arbeit mit dem Jobcenter.


IV. Ablauf, Inhalte und Methoden D

ie Jugendlichen werden vor allem durch Streetworking auf Straßen und Plätzen des Bezirks aufgesucht bzw. durch Werbeaktionen in umliegenden Schulen oder in Jugendzentren angesprochen und auch durch Kooperationspartner an das JTB vermittelt. Prinzipiell ist das JTB offen für alle Interessierten, so nehmen auch einige GymnasiastInnen und Jugendliche aus anderen Berliner Bezirken teil.

Diese Durchmischung führt manchmal zu Spannungen, sie ist aber auch ein Faktor für das Entstehen einer produktiven Dynamik unter den Teilnehmenden und bietet einen Möglichkeitsraum für transkulturelle Lernerfahrungen.

Zur Organisation

Die Arbeit ist nach einem Trimesterprinzip organisiert, das sich zyklisch durch die gesamte Projektlaufzeit zieht. Die Jugendlichen können jedes Trimester neu einsteigen.

  • Begonnen wird mit der Ferienakademie, in der das gesamte Vorhaben erklärt wird, die Möglichkeiten erläutert, das Team vorgestellt und die Ansprüche dargelegt werden. Hier werden auch die vom Projekt vorgegeben „Brennpunkte“ also gesellschaftspolitische Themen, an denen sich die künstlerische Arbeit des jeweiligen Zyklus orientiert, eingeführt.
  • In der anschließenden Jamming Phase werden Ideen der Jugendlichen gesammelt, besprochen, verworfen oder angenommen. Es werden Recherchen angeregt, um unterschiedliche Entwicklungsideen zu gewinnen. Auch werden erste Szenen erarbeitet, Methoden erprobt, Haltungen geübt, allseits vorhandene Präsentationsscheu bearbeitet. Aktuelle Konflikte werden aufgegriffen, so wurde etwa der grassierende „Sarrazynismus“ karikiert und zur Diskussion gestellt.
  • Die Entscheidungsphase führt zu verbindlichen Arbeitsentscheidungen. Es werden Theaterszenen entwickelt, HipHop-Präsentationen entworfen und eingeübt, Filme gedreht. Neben den künstlerischen Darstellungsformen können die Jugendlichen sich ebenso an Licht und Ton, Bühnenbau, Kostüm, Büro- und Eventorganisation beteiligen, die an je unterschiedlichen Wochentagen besonders im Fokus des JTB-Teams stehen.
  • Die jeweilig erworbenen praktischen und technischen Fähigkeiten werden zertifiziert, das wertet die Arbeit in den Augen der Jugendlichen auf.
  • Während den jeweiligen Trimesterabschlussevents werden die entstandenen Produktionen auf der hauseigenen Bühne der Öffentlichkeit präsentiert. Darüber hinaus werden Arbeitsausschnitte in Form von Raps, Interviews, Filmsequenzen, Theaterszenen.auch auf öffentlichen Plätzen und bei Gastauftritten bei ausgewählten Einrichtungen aufgeführt.


V. Erfolgsfaktoren

Es sind vor allem fünf Faktoren, die  das Projekt erfolgreich ausweisen:

Vertrauen herstellen, Einbinden

Nun ist nicht selbstverständlich, dass benachteiligte Jugendliche sich öffentlich zu äußern vermögen. Viele zweifeln die Unterstützungsprogramme an, sie sind oft enttäuscht worden.

Einige wollen nicht im Mittelpunkt stehen, andere trauen sich nicht, eine Rolle zu übernehmen, ihnen ist peinlich, etwas von sich preiszugeben. Der Träger sorgt sich um das Vertrauen der Jugendlichen. Er begibt sich in die Familien, um diese kennen zulernen und einzubeziehen.

Gleichzeitig nimmt der Träger sich aktueller sozialer religiöser Konflikte an, mit denen die Jugendlichen regelmäßig konfrontiert sind. Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz findet sich im Projekt Gaza-Monologe. Jugendliche aus dem Gaza Gebiet setzten sich mit der Frage auseinander „was hat der Krieg aus mir gemacht“? Weil diese Jugendlichen ihre Heimat nicht verlassen dürfen, hat das Ashtar Theater in Ramallah über 40 Theater auf allen Kontinenten dafür gewonnen, die entstanden Monologe zu präsentieren. An der Schaubühne sprachen JTB-Teilnehmende einige dieser Texte gemeinsam mit anderen Berliner Jugendlichen. Die intensiv vorbereitete Präsentation hat zu tiefen Eindrücken in die Erlebniswelt der Beteiligten geführt. Der Perspektivwechsel führte dazu, unbefragtes Urteilen zu bezweifeln: Konflikte entziehen sich eindeutiger Be- und Verurteilung. Es fiel den Jugendlichen nicht leicht, eine derartige Position einzunehmen- einige wollten sich aus dem Vorhaben zurückziehen. Sie forderte man auf, „äußert euch, aber bleibt“! Die Jugendlichen ernst zu nehmen und ihnen gleichzeitig Auseinandersetzungen nicht zu ersparen, hat sich als ein erfolgreicher Weg erwiesen: Einige Vorbehalte zwischen Palästinensern und Israelis vermochten die Jugendlichen untereinander zu revidieren.

Freiwilligkeit und Selbstbestimmung

Die Arbeit im Projekt setzt auf Freiwilligkeit. Indem das Projekt selbst attraktiv wird, indem es als Chance für Selbstdarstellung und für Kommunikation den üblichen Rahmen verlässt, folgen die Jugendlichen dem Angebot. Gemeinschaftliche Arbeitsfähigkeit erfordert Verbindlichkeit, diese ist im Projekt das Ergebnis eines Gruppenkonsenses, der ein gemeinsames Ziel definiert, für das gemeinsame Anstrengung notwendig ist.

Auf Freiwilligkeit beruhende Kontinuität und Motivation erfordert jedoch auch Moderation: Der künstlerische Leiter des Projekts, Ahmed Shah, ist ein bedeutender Theaterinnovator, dem es gelingt, darstellende Kunst mit der Lebenswirklichkeit so zu verknüpfen, dass von den Jugendlichen erlebte Vorurteile, Rassismus, Diskriminierung Hass zugleich anschaulich zum Ausdruck verholfen und entgegengewirkt wird. Der bemühte Einsatz aller MitarbeiterInnen des JTB aber sicherlich auch die Persönlichkeit und Kompetenz des künstlerischen Leiters motiviert die Jugendlichen dazu, sich kontinuierlich zu engagieren.

Die Trimesterstruktur

Die Einteilung in Trimester verhilft dazu, in überschaubaren Abschnitten theoretische Arbeit mit praktischer zu verschränken. Indem die künstlerischen Produktionen sich auch aus der begleitenden Bildungsarbeit speisen, entwickeln sich Wissen und Fähigkeiten gleichermaßen. Gleichzeitig senkt die Trimesterstruktur die Schwelle für eine Beteiligung am Projekt. So können oder wollen einige Jugendliche sich lediglich für einen kürzeren Zeitraum aktiv einbringen. Der bisher investierte Aufwand und zahlreiche Erfolgserlebnisse haben mittlerweile jedoch bereits rund 20 Jugendliche dazu veranlasst, sich über einen Trimesterzyklus hinaus an das Projekt zu binden und fortlaufend an der Entwicklung des finalen Theaterfestivals zu beteiligen.

Zielorientierung

Man arbeitet nicht simulativ, alle Aktivitäten zielen auf ein Produkt hin. Dabei bestimmen die  Trimesterabschlussevents die Struktur des Vorhabens entscheidend. Diese Spektakel dienen gleichzeitig dazu, für das Projekt Aufmerksamkeit zu erregen und UnterstützerInnen zu gewinnen. Die Jugendlichen überwinden ihre Scheu sich öffentlich zu zeigen, sie gewinnen an Sicherheit und Selbstvertrauen. Am Ende des Projekts ein Festival auszurichten bleibt entscheidende und Ziel gebende Aufgabe.

Die Vernetzung

Dem breiten Spektrum der Projektarbeit  entspricht  das sich stetig erweiternde Netz des JTB: Weil das Projekt Experimente und Suchbewegungen nötig macht, lernen alle Beteiligten gleichermaßen. Die Partner im Netzwerk sind bereit, das Vorhaben auf längere Sicht ideell mit Rat und Hilfen, teilweise auch mit finanzieller Förderung zu unterstützen und somit die Kontinuität zu sichern. Der Arbeitsansatz erscheint ihnen in seiner Handlungs- und Produktorientierung  neu, ungewöhnlich und Erfolg versprechender, als konventionelle Konzepte der Berufsorientierung. Schließlich sorgt ein interdisziplinär zusammengesetzter Beirat dafür, dass die Praxiserfahrungen des JTB Eingang in die konzeptionelle Auseinadersetzung um innovative Berufsbildungsprozesse finden. Gleichzeitig trägt die Begegnung von Projektarbeit, Wissenschaft und Politik zur beständigen Reflektion und Weiterentwicklung des JTB bei.

 

VI. Herausforderungen

Ressourcen

Entscheidende Herausforderungen liegen im gleichsam eingebauten Zwang, andauernd auf überhöhtem Level zu arbeiten, Die Energie, die in das Coaching, in die Beratung, in die Projektorganisation insgesamt gegeben wird, übersteigt das vorgesehene Projektbudget bei weitem. Das Projekt verfügt neben Sachmitteln über drei halbe Stellen. Darüber hinaus bemühen sich 15 Honorarkräfte um den Projekterfolg. Vieles wird improvisiert, alle verantwortlich Beteiligten arbeiten über ihrem Limit. Bei aller Popularität des Vorhabens geht es um Ausweitung der PR Aktionen bei gleich bleibend angespannter Belastung. Die Vernetzung mit der lokalen und regionalen Wirtschaft steht auf der Agenda, ebenso wie eine intensivierte Arbeit mit dem Jobcenter.

Erfolge messen

Kann man den Lern- und Kompetenzzugewinn der Beteiligten messen? Die Jugendlichen lernen im Kontext der Projektentwicklung, gleichzeitig lernen auch die TrainerInnen: Sie merken allmählich wie sie individuell anzusprechen sind, worauf ihre Strebungen und Phantasien gerichtet sind. Die Jugendlichen lernen Verantwortung zu übernehmen, zu präsentieren, Absprachen einzuhalten, freiwillig Leistungen zu erbringen und über sich selber zu reflektieren. Dies alles ist wahrzunehmen, aber kaum zu messen. Wie es trotzdem nachweisbar in einem Portfolio erscheint, darüber denkt man eben nach: Augenblicklich wird ein projektspezifisches Zertifikat erarbeitet, dass am Ende der Arbeit den Jugendlichen ausgehändigt werden soll. Das Konzept für ein ausgewiesenes Qualitätsmanagement soll helfen, die Indikatoren des Projekterfolgs auszuarbeiten. Auch dies soll innerhalb der Projektlaufzeit verwirklicht werden.


VII. Perspektiven

Soziale Kompetenzen, Schlüsselqualifikationen, extrafunktionale Fähigkeiten, erwirbt man nicht durch kluge und richtige Vorstellungen. „Sei teamorientiert, verhalte dich flexibel und vor allem verlange ich Kreativität!“ Diese Einrede ist gleichzeitig richtig und paradox. Jugendliche müssen erfahren, dass Einsatz sich lohnt, dass sie gemeinsam stärker sind, dass ihre Ideen, Einwände, Gedanken ernst genommen werden und Prozessverläufe beeinflussen können. Es ist nicht immer leicht Erfahrungsräume einzurichten, in denen wie beiläufig die sozialen Kompetenzen entstehen, die für Arbeit in der Wissensgesellschaft als unabdingbar gefordert werden. Eben das gelingt dem Jugendtheaterbüro. Das Projekt zeigt beispielhaft, wie die oft beschworenen aber selten erreichten Schlüsselqualifikationen tatsächlich erreicht werden. Die wünschenswerte Weiterexistenz des JTB hängt jedoch davon ab, wie bekannt das Vorhaben  wird. Das Ziel, ein Festival so auszurichten, dass seine Fortführung zur öffentlichen Forderung wird, wird mit den vielen Brennpunktaktionen angestrebt. Was darüber hinaus notwendig wird, ist Gegenstand begleitender Reflexion. Es wird darauf ankommen ob das Experiment so vermag, sich zur Regel zu wandeln.

 

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