Job-InforM - oder etwas wird sichtbar
Das Beratungs- und Qualifizierungsprojekt Job-InforM unterstützt Migrantinnen und Migranten, die durch gesundheitliche Beeinträchtigungen oder wegen einer Behinderung gehandicapt sind und deshalb Schwierigkeiten haben, einen beruflichen (Wieder-) Einstieg zu finden.
I. Ausgangssituation
Die augenblickliche Auseinandersetzung über die Integration von Migrant_innen beschränkt sich auf Sprachfähigkeit, Einbürgerung, Kopftücher, Vorurteile, auf Arbeit, Wohnen, Gesundheit u.a.m. Kaum jemand erwähnt in diesem Zusammenhang, dass auch manche Frauen und Männer nichtdeutscher Herkunft unter Behinderungen leiden. Diese Menschen werden in ihrer doppelten Benachteiligung kaum wahrgenommen: weder wird ihre Behinderung unter migrationsspezifischen Aspekten, noch wird ihr Migrationshintergrund unter dem Gesichtpunkt ihrer Behinderung oder chronischen Erkrankung gesehen. Die Unterstützungsangebote von Staat und freien Trägern erreichen die Betroffenen nur unzureichend und können nur selten auf die hochkomplexen individuellen Problemlagen eingehen. Allzu oft bleiben werden sie alleine gelassen und müssen gewaltige Hindernisse überwinden, um in Arbeit und Beschäftigung, zu Bildung und Ausbildung, zu ihrem Recht auf Teilhabe in und an der Gesellschaft zu kommen. Der Träger StadtImpuls - Gesellschaft zur Förderung und Ansiedlung sozialer Projekte mbH hat sich mit seinem Projekt Job-InforM zur Aufgabe gemacht, den Integrationsprozess von Menschen mit diesen Attributen einzuleiten und sie bei der Suche sowie Aufnahme von Arbeit und Ausbildung zu unterstützen und begleiten.
II. Das Konzept
Integration in die Lebens- und Arbeitswelt ist für Menschen mit doppelter Benachteiligung ungleich schwerer zu erreichen als für Menschen mit herkömmlichen Voraussetzungen. Diese Menschen benötigen besondere Unterstützung. Mit der Erwägung, dass Betroffene besonders gut verstehen können, was Menschen wie sie selbst einschränkt, ausgrenzt, was sie benötigen und welche Chancen sie wahrzunehmen vermögen, haben die Projektmacher den Ansatz des Peer Counseling gewählt. Peer Counseling ergibt sich aus der Kombination aus eigener Betroffenheit und professioneller Ausbildung:
In einer ersten Projektphase wurden 12 Personen mit Handicap und Migrationshintergrund zu Integrationsbegleiter_innen qualifiziert. Sie wurden über mehrere Monate modular in Workshops und in begleiteter Praxis auf ihre Aufgaben vorbereitet.
Einige dieser Integrationsbegleiter_innen wurden für die zweite Phase im Projekt angestellt. Gemeinsam mit Fachkräften, die langjährige Erfahrung mit am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen haben, unterstützen sie nun andere Betroffene bei der Suche nach Praktikums-, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Das Beratungskonzept folgt einem ganzheitlichen und ressourcenorientierten Ansatz. Der Aufbau von Doppelstrukturen in der Behindertenhilfe wird vermieden, in dem in der Stadt vorhandene Kompetenzen ergänzend miteinander verknüpft werden, um auf diese Weise Potenziale für Synergien zu identifizieren. So werden beispielsweise Menschen, die den Zugang zu Regelangeboten nicht gefunden haben, vom Projekt vorbereit. Insofern hat Job-InforM eine Weiterleitungsfunktion. Hierdurch wird auch das Handlungsspektrum der Teilnehmenden gestärkt und erweitert.
III. Inhalte und Methoden
Das Interventionsfeld, der Ansatz und die Ziele des Projektes definierten bereits im Vorhinein Aufgaben und Inhalte der Arbeit. Die detaillierte Ausarbeitung der einzelnen Schritte erfolgt jedoch gleichsam prozessbegleitend um nicht vorhersehbaren Herausforderungen und Entwicklungen begegnen zu können.
Der Peer Counseling-Ansatz wird zur Schaffung eines Modells von Integrationsbegleitung nutzbar gemacht, welches interkulturelle, barrierefreie Beratung und Unterstützung ermöglicht. Dazu wurde ein Qualifizierungskonzept entwickelt und in 10 Modulen zusammengefasst
- Einführung in die berufliche Integrationsbegleitung
- Integrationsbegleitung und ihre Zielgruppen
- Methoden der Beratung
- Interkulturelle Kompetenzen
- Hilfen bei der Tätigkeits- und Berufswahl
- Akquisition von betrieblichen Partnern
- Nachschulische Bildungsangebote
- Diagnostische Verfahren
- Betriebliche und individuelle Integrationsbegleitung
- Überleitung und Stabilisierung im betrieblichen Umfeld
Angemessene Methoden und Arbeitsweisen für das Konzept lagen nicht selbstverständlich vor. Es konnte aber auf erprobte Konzepte zurückgegriffen werden, die angepasst und auch teilweise neu ausgeführt werden mussten. Dabei traten neben komplexen Kooperationserfordernissen auch Entwicklungschancen hervor: So wurde z. B. Deutsch als Lingua franca eingeführt und erhielt somit für die Beteiligten, die je unterschiedliche Muttersprachen sprechen, einen unmittelbaren Gebrauchswert. Wenn besonders schwierige Unterrichteinheiten anstanden, wurden Extraeinheiten außerhalb der eigentlichen Unterrichtszeit angeboten und wahrgenommen.
Die modulare Qualifizierung wurde durch ein Praktikum – in allen Fällen bei sozialen Trägern, bis auf eine Ausnahme im Bereich Beratung – ergänzt und abgeschlossen. Die Möglichkeit, als Integrationsbegleiter_in anschließend im Projekt tätig zu werden, ergab sich für fünf der zwölf Teilnehmenden.
Die zweite Projektphase entwickelt sich nun allmählich zur speziellen Form der Integrationsbegleitung:
Die durch mehrsprachige Kampagnen angesprochenen Teilnehmenden werden individuell von den Integrationsbegleiter_innen betreut und unterstützt. Mit Geduld, mit Bereitschaft zum Experiment und mit langem Atem bemühen sie sich, die individuellen Voraussetzungen der Teilnehmenden, ihre Stärken und Grenzen zu klären und zu reflektieren. Gleichzeitig gilt es, Betriebe anzusprechen und zu veranlassen, sich für ein Praktikum, eine Ausbildung oder Beschäftigung zu öffnen. Die Akquisition der Unternehmen wird „on the Job“ als Fähigkeit erlernt. Es braucht Mut und Neugier fremde, meist überbelastete Chefs anzurufen und Wünsche vorzutragen. Die Ansprache fokussiert auf fachliche Qualifikationen der Teilnehmenden. Dabei steht nicht die soziale Moral sondern die argumentative Darstellung einer Win-win-Situation im Vordergrund der Vermittlung. Den Betrieben wird deutlich gemacht, welcher Zugewinn entsteht, wenn sie Projektteilnehmende zu Praktika, Ausbildung oder Beschäftigung verhelfen, etwa indem:
- Fremdsprachenkompetenz eine erweiterte Kommunikationsfähigkeit für das Unternehmen schafft;
- Die Teilnehmenden ihre hohe Motivation einbringen;
- Die Kollegialität sich verstärkt;
- Vielfältigkeit bisher nicht erkannte Potenziale eröffnet;
- (subventionierte) Barrierefreiheit zum Prinzip in der Arbeitsorganisation wird und damit gleichzeitig auch mit dem fortgeschrittenen Design für alle zum Entwicklungsmotor werden kann;
- Sozialprestige wächst und somit ein Imagegewinn entsteht.
IV. Kooperationen
Der Träger nutzt seine bereits etablierten Netze. Der Kooperationspartner Lebenswelten e.V. Fachintegrationsdienste (IFD) von Lebenswelten und anderen Trägern genutzt werden können, greift Job-InforM auf externe Kompetenz zurück und kann sich in Folge dessen auf das Entwicklungsfeld Integrationsbegleitung konzentrieren. Doppelstrukturen werden vermieden – Aufgaben und Kompetenzen der vernetzten Partner ergänzen einander. Projekt begleitend wird die Vernetzung kontinuierlich erweitert: Neue Arbeitskontakte entstehen zu Betrieben, zu Verbänden, Vereinen und Trägern. Sie begründen Entwicklungsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit. schafft den Kontakt zu sozialen Unternehmen in unterschiedlichen Branchen der Berliner Wirtschaft. Indem auch die
V. Erfolgsfaktoren
Der Träger hat in der Projektarbeit vergangener Jahre Erfahrungen und Kenntnisse gesammelt, die den Aufgaben im aktuellen Vorhaben zu Gute kommen. Gleichfalls sind Netze ausgelegt worden, die jetzt neu bestimmt und erweitert werden.
Das Projekt hat einen Qualifizierungsdurchgang mit Erfolg hinter sich gebracht. Die ersten Teilnehmenden haben eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit aufgenommen, arbeiten weiterhin beim Projekt, bei anderen Trägern oder haben die Schwelle zur Berufsausbildung überwunden.
Die Mitarbeitenden arrondieren ihre kaufmännische oder sozialpädagogische Ausbildung und erweitern ihre integrationspädagogischen Kompetenzen in der praktischen Projektarbeit. Für Job-InforM wirkte es sich günstig aus, dass einige Dozent_innen ebenso mit Handicap und/oder Diskriminierung durch Migrationshintergrund umzugehen haben wie die Projektteilnehmenden. Peer Counseling wurde so auch zum Unterrichtsprinzip und trug entscheidend dazu bei, ein Arbeitsklima herzustellen, das dem ambitionierten Projektansatz entspricht.
Indem die Idee des Peer Counseling - Betroffene unterstützen Betroffene- mit den klassischen Methoden der Beratung verbunden wird, gelingt es, den Teilnehmenden zu verbesserten Integrationschancen zu verhelfen:
- Diskriminierungen sind ausgeschlossen,die Teilnehmenden werden akzeptiert und geschätzt, nicht etwaige Defizite, sondern Ressourcen stehen im Mittelpunkt;
- Die unabhängige Beratung setzt auf Selbstverantwortung und autonomes Handeln;
- Motivation wird gleichsam durch die positive Vorbildfunktion der Begleiter_innen gestärkt;
- Die Vermittlung der Teilnehmenden gestaltet sich bislang mühsam aber erfolgreich: oft gelingt es, Aufmerksamkeit, Interesse und Vertrauen bei den Unternehmen herzustellen.
Mit dem Einsatz von selbst betroffenen Integrationsbegleiter_innen schafft Job-InforM eine den Bedingungen und Bedürfnissen der Projektteilnehmenden entsprechende Teilhabe an Integrationsprozessen. Sie bleiben so nicht Objekte eines Versuchs, sondern werden zu professionellen Akteuren.
VI. Herausforderungen
Der Transfer des Projekts ist nicht zuletzt davon abhängig, wie und ob die erarbeiteten Verfahren, Kontakte, Kenntnisse und Fähigkeiten methodisch so zusammengefügt werden, dass ein Qualifizierungskonzept vorgelegt werden kann, mit dem auch andere Einrichtungen in diesem schwierigen Aktionsfeld zu agieren vermögen. Die den ersten Erfolgen zu Grunde liegende modulare Qualifizierung soll augenblicklich nicht wiederholt werden. So bleibt offen, ob die Erfahrungen, die in dieser Arbeit entstanden sind, sich in Form eines Moduls gestützten Curriculums wieder finden werden. Eine Zertifizierung über die momentane trägereigene hinaus wird zwar angestrebt, ist aber noch nicht im Zentrum der Bemühungen. Dafür ist zunächst zu bestimmen, ob das Aufgabenfeld das zusätzliche Berufsprofil der Integrationsbegleitung erfordert oder ob bestehende reguläre Beratungs- und Unterstützungsangebote jeweils um Migrations- bzw. Handicap-Aspekte erweitert werden müssten.
Zukünftig sollen weitere Betriebe einbezogen werden. Großunternehmen konnten nicht im dem Maße angesprochen und gewonnen werden wie etwa KMU. Die bisherige Akquisitionsarbeit sollte ausgebaut werden, oft vermögen sich die Verantwortlichen in den Betrieben nicht vorzustellen, über welche endogenen Potentiale sie etwa durch unterschiedliche kulturelle und sprachliche Befähigungen verfügen könnten. Den Unternehmen müsste daher einerseits dargelegt werden, welche Vorteile ihnen entstehen, wenn sie bisher nicht bedachte Ressourcen nutzen würden. Andererseits müsste der aktuelle und mittelfristige Bedarf der Unternehmen in besonderem Maße erkundet werden – nur so könnte ein dauerhaft erfolgreiches konzeptionelles Matching entstehen.
VII. Perspektiven
Bislang wurde dem Personenkreis von Menschen mit Handicap und Migrationshintergrund nicht viel Beachtung geschenkt. Auch im Bereich der Sozialarbeit werden ihre Bedürfnisse und besonderen Problemlagen erst eben entdeckt. Folglich gibt es auch wenige Informationen und noch weniger Anlaufstellen. Indem Job-InforM den doppelt Benachteiligten hilft, ein selbst bestimmtes Leben zu führen und am gesellschaftlichen Leben und Arbeitsleben teilzuhaben, gelangt ein vernachlässigtes Thema in das öffentliche Bewusstsein. Eine solche öffentliche Aufmerksamkeit sowie die Weiterentwicklung von Expertisen lassen hoffen, dass Mitarbeiter_innen der Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie der Beratungseinrichtungen in freier Trägerschaft ihr Profil und ihre Kompetenzen hinsichtlich der Belange der skizzierten Zielgruppe optimieren, um ebenso differenziert wie wirkungsvoll auf jede individuelle Lage eines/r Betroffenen eingehen zu können.
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