Eine bessere Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt ist keine Randaufgabe, sondern eines der zentralsten Anliegen für die Zukunft Berlins. Die Fragen, wie diesen Jugendlichen bessere Perspektiven eröffnet werden können und welche Verantwortung dabei Unternehmen, Schulen und Projekte tragen, standen daher im Fokus der Fachtagung, die von XENOS Panorama Berlin in Kooperation mit dem Beauftragten des Berliner Senats für Integration und Migration am 30.06.2011 in Berlin veranstaltet wurde. Hier geht es zum Bericht von der Veranstaltung...
Unter dem Titel „Blickwechsel – Integration und Vielfalt am Übergang zu Beruf und Arbeit“ kamen VertreterInnen von diversen Projektträgern, aus Politik und Verwaltung sowie einige aus Schule und Wirtschaft bei der Tagung zusammen, um die Möglichkeiten einer erfolgreichen Gestaltung des Übergangs zu Beruf und Arbeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu diskutieren. Vor allem setzte die Veranstaltung auf einen regen Austausch zwischen den anwesenden Akteuren und bot ein Forum, um erfolgreiche Ansätze, Modelle und Ergebnisse der Berliner XENOS- sowie weiterer Projekte mit bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Überlegungen zu verknüpfen.

„Wir müssen im Übergangssystem den betrieblichen Blick verbessern. Wir haben derzeit aufgrund der sich verändernden ökonomischen Rahmenbedingungen eine einmalige Situation in der Stadt. Lange Zeit wurden Übergangsprojekte lediglich als Warteschleifenprojekte benannt, wo die Jugendlichen geparkt wurden. Das hat sich nun grundlegend wegen der gestiegenen Nachfrage nach Auszubildenden geändert.“ erklärt Günter Piening, Beauftragter des Berliner Senats für Integration und Migration, in seinem Grußwort ans Publikum.
„Deswegen mein Appell an Sie als Projektträger: Suchen Sie eine enge Kooperation mit Betrieben. Das ist auch eine Frage des Blickwechsels“, fährt er fort und macht damit auch prominent auf die Situation von Unternehmen aufmerksam.

Aufgrund des demografischen Wandels und eben der mangelnden beruflichen Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, fällt es z.B. dem öffentlichen Dienst aber auch der freien Wirtschaft zunehmend schwerer, für die Zukunft genügend Personal zu finden . Klaus Kohlmeyer vom Beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten in Berlin (BQN) betont daher in seinem Vortrag, dass es immer wichtiger für Betriebe werde, auf die Jugendlichen zuzugehen und ihnen mitzuteilen: „Wir brauchen und wollen Euch“. So zielt die Arbeit des BQN darauf ab, die Jugendlichen frühzeitig über Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren und sie zu motivieren, sich zu bewerben. Mit „Berlin braucht dich!“ als Arbeitgeberkampagne aus Behörden der Berliner Verwaltung und Berliner Landesbetrieben, besonderes unterstützt durch die „Initiative Mehrwert“ (Zusammenschluss von 14 großen Unternehmen wie Wohnungsbaugesellschaften, Berliner Wasserbetriebe, BVG etc.) ist es so in den letzten Jahren gelungen, den Anteil der Auszubildenden mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst zu verdoppeln. Bis 2013 streben die Verantwortlichen sogar einen Gesamtanteil von 25 % an.

Auch Norbert Schmidt, Vorstand für Personal und Soziales bei den Berliner Wasserbetrieben, erkennt die zusätzlichen Herausforderungen aus Unternehmersicht durch den steigenden Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sieht darin aber auch eine große Chance. Er hält es für sehr wichtig, diesen Jugendlichen die Hand zu reichen und sie für den eigenen Betrieb zu begeistern. „Man muss sich als Firma darstellen und zeigen, dass man interessant ist. Wir wollen zeigen, dass es Sinn macht, zu uns zu kommen. Die Jugendlichen dürfen nicht nur denken, dass es bei dem Job um Abwasser geht“, erklärt er. Schmidt sieht jedoch auch die Schulen in der Pflicht. Diese müsste Grundkompetenzen wie frühes Aufstehen aber auch die notwendige Motivation „ich kann und ich will arbeiten“ vermitteln. Außerdem macht er in seinem Vortrag deutlich, welchen alltäglichen, ganz konkreten Fragen und Herausforderungen ein Betrieb gegenübersteht, wenn es gilt, unterschiedliche Kulturen und Religionen mit den Betriebsrealitäten zu vereinen. Die Beispiele zeigten deutlich, dass Interkulturelle Öffnung von Betrieben und erfolgreiche Integration einen langwierigen Prozess darstellen, der viel Knowhow und Verständnis erfordert.
Welche bedeutende Rolle geeignete Projekte beim Übergang in Ausbildung und Beruf spielen, verdeutlicht Rudolf Netzelmann, Projektleiter von XENOS Panorama Berlin: „Die meisten der hier versammelten Projekte und Träger arbeiten am Übergang als Coacher, Lotse, Begleiter, Lehrer, Mentor – allein das zeigt, dass das Übergangsgeschehen nicht von den Hauptakteuren aus Schule und Wirtschaft allein geregelt wird. Es gibt erfolgreiche Projekte und Ansätze auf diesem schwierigen Terrain. Damit diese nicht episodisch bleiben, möchten wir sie bekannter machen und erfragen, was sie so erfolgreich macht, welche Konsequenz dieses für die Regel des Spiels haben sollte und nicht zuletzt, was zu tun ist, damit gute Beispiel mit Projektende nicht am Ende sind.“

Die TeilnehmerInnen der Fachtagung konnten sich im Anschluss an die Vorträge in Arbeitsgruppen aufteilen, um aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln den Übergang in Arbeit und Beruf zu diskutieren und Empfehlungen zu erarbeiten. Dabei wurden die drei AGs mit den Blickwinkeln Unternehmen, Schule und Erwerbslosigkeit jeweils durch Leitfragen strukturiert. Anschließend stellten sich die Gruppen ihre Ergebnisse gegenseitig im Plenum vor.
Insgesamt kamen die Arbeitsgruppen zu dem Ergebnis, dass sich Unternehmen anderen Kulturen tatsächlich öffnen müssten. Trotz aller Unterschiede zwischen kleinen und großen Betrieben – die in jedem Fall berücksichtigt werden müssten – müsste eine solche Öffnung nicht nur die Führungsebene sondern auch alle Mitarbeitenden und teilweise auch die Kunden erreichen. Dazu wären einerseits Trainings andererseits aber auch gute Vorbilder und Multiplikatoren in den Unternehmen erforderlich. Zudem sollten die Kompetenzprofile überdacht werden, um einen niederschwelligen Einstieg in Ausbildung und Beruf zu ermöglichen – hierbei müssten auch soziale Kompetenzen berücksichtigt werden. Von großer Bedeutung sei außerdem eine kontinuierliche Begleitstruktur, die eine Brücke zwischen Betrieb, Jugendlichen, Eltern und Schule schlage (z.B. in Form von Mentoring).

Für die Unterstützung der Jugendlichen wurden außerdem Identifikationsfiguren in den Betrieben und verstärkte Elternarbeit genannt. Darüber hinaus sollten sowohl Schulen als auch Betriebe stärker kooperieren und Schülerinnen und Schülern so einen besseren Einblick in die Arbeitswelt vermitteln (z.B. durch Projekt- und Praxistage, effektive Praktika). Vor allem in Hinblick auf den Prozess der Berufsorientierung sei es wichtig, so den Heranwachsenden früh eine möglichst umfassende Orientierung zu vermitteln, die ihnen die spätere Lebensplanung vereinfacht.
Die Arbeitsgruppen empfehlen zukünftigen Projekten eine engere Kooperation untereinander sowie eine starke Vernetzung mit Unternehmen und Schulen, um als Brückenfunktion zwischen Schulen und Betrieben wirken zu können. Dabei gelte es auch, die vielen Projektangebote zu bündeln, damit Unternehmen und Schulen klarer erkennen, wie sie die jeweiligen Maßnahmen für sich nutzen können.
Zum Abschluss der aufschlussreichen Fachtagung zog Dr. Ulrich Raiser – vom Büro des Beauftragten für Integration und Migration des Berliner Senats – ein Resümee. Hierbei lobte er die Veranstaltung und hob hervor, wie wichtig es ist, sich darüber auszutauschen, wie die betriebliche Realität stärker systematisch in die Projektarbeit einbezogen werden kann.
Gleichzeitig wünschte er sich aber auch für kommende Tagungen eine stärkere Beteiligung von Schulen und Unternehmen, um letztendlich auch die Verständigung dieser mit den Projektträgern zu verbessern. Als Empfehlung sprach er ebenfalls verstärkte Kooperationen sowohl der Projekte untereinander als auch in Verbünden mit Betrieben und Schulen aus. Denn nur durch das vereinte Bearbeiten eines gemeinsamen Ziels ließe sich die Wirksamkeit der Projekte steigern und Nachhaltigkeit im Sinne einer strukturbildenden Veränderung erreichen.
Die ausführliche Dokumentation sowie Veranstaltungs-Beiträge zum download finden Sie hier.





