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Bericht zur OASIS-Ergebniskonferenz

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Das XENOS-Projekt „Optimierung arbeitsmarktlicher und sozialer Integration im Strafvollzug“ (OASIS) geleitet vom FrauenComputerZentrumBerlin e.V. (FCZB) hatte sich zum Ziel gesetzt, vorhandene Übergangsmanagement-Strukturen in Berliner Vollzugsanstalten für Männer zu analysieren und Vorschläge bzw. Empfehlungen für Verbesserungen zu erarbeiten. Auf der Fachkonferenz im Dezember 2011 wurden die Ergebnisse des Projektes vorgestellt. Lesen Sie hier den Bericht...

 

Den Spagat zwischen drinnen und draußen meistern

Rund 5.000 inhaftierte Männer und Frauen sind derzeit in den Berliner Justizvollzugsanstalten untergebracht. 5.000 Menschen, die nach ihrer Haft in die Gesellschaft integriert werden müssen, will man verhindern, dass sie wieder auf die schiefe Bahn geraten und erneut hinter „schwedischen Gardinen“ landen. Es gilt, diese sowohl sozial als auch wirtschaftlich wieder einzugliedern, den Spagat zwischen „drinnen“ und „draußen“ zu meistern und den Ex-Häftlingen ein normales Leben in Freiheit zu ermöglichen. Doch wie kann dieses gelingen? Wie können Straftäter wieder ganz in unserer Mitte ankommen?

Die Antwort lautet: durch ein ressort-und trägerübergreifendes Übergangsmanagement. So müssen straffällige gewordene Menschen während ihres Vollzugs auf das Leben außerhalb der Mauern vorbereitet, von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern begleitet und für ein mögliches Berufsleben fit gemacht werden. Doch leichter gesagt als getan: der Justizvollzug allein kann diese Mammutaufgabe nicht stemmen. Er benötiget tatkräftige Unterstützung durch Dritte, vor allem aber auch eine verzahnte Zusammenarbeit mit anderen am Wiedereingliederungsprozess beteiligten Verwaltungen, damit die positive Wiedereingliederung von ehemaligen Strafgefangenen zur Regel wird.

Doch bevor wir zu dem Ergebnis kommen, gilt es vorerst, die anfänglichen Bemühungen des OASIS-Projektes zu beleuchten. „Ausgangslage des Projektes war es, ein Übergangsmanagement zu entwickeln, das sowohl die vollzugsinternen Arbeitsabläufe als auch die Zusammenarbeit mit denjenigen, die mit den haftentlassenen Menschen arbeiten, neu strukturiert“, erklärt Projektleiterin Silke Faubel. Alles fing damit an, dass Vertreterinnen des FCZB in den einzelnen Berliner Haftanstalten vorstellig wurden und in intensiven Gesprächen mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern eine Bestands- und Bedarfsanalyse im Hinblick auf die vorhandenen Rahmenbedingungen durchführten. In den Interviews ging es u.a. um Bedürfnisse der Inhaftierten, Arbeitsschwerpunkte, die Zusammenarbeit zwischen externen und internen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Vernetzungen, Probleme im Arbeitsalltag sowie Fortbildungs- und Qualifizierungsbedarf. Die Ergebnisse des Interviews flossen anschließend in den OASIS-Projektantrag ein, der kurz darauf bewilligt wurde.

Das Positionspapier

Schnell fanden sich interessierte, motivierte und wissbegierige Teilnehmerinnen und Teilnehmer – d.h. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Berliner Vollzugsanstalten – zusammen, tauschten sich bei regelmäßigen Veranstaltungen intensiv aus und entwickelten in fruchtbaren Diskussionen ein der Senatsverwaltung für Justiz vorgelegtes (und für die Öffentlichkeit noch nicht zugängliches) Positionspapier. Bei diesem handelt es sich um eine „Draufsicht“ des Projektteams auf die eigene Arbeitssituation und Empfehlungen zu Verbesserungen der Rahmenbedingungen für ein Übergangsmanagement in den Vollzugsanstalten. „Das Positionspapier soll eine justizinterne Auseinandersetzung über Rahmenbedingungen der vollzuglichen Sozialarbeit und Änderungserfordernisse in Gang bringen, die längst noch nicht abgeschlossen ist und keineswegs allein im OASIS-Team geführt werden darf. Hier sind alle gefragt!“, schreibt die Projektleitung in ihrem Infoblatt und unterstreicht damit, wie wichtig es doch ist, die Empfehlungen ernst zu nehmen bzw. weiter zu verfolgen. Ziel des Positionspapiers ist es demnach, eine Diskussion anzustoßen, die einen Prozess ins Rollen bringt, der zu einer allgemeinen Verbesserung der Situation von Strafgefangenen im Prozess der Wiedereingliederung führt.

Elemente des Übergangsmanagements

„Natürlich blieben wir nicht stehen bei der Erarbeitung des Positionspapiers und den Inhalten zur Sozialarbeit“, erklärte Faubel am 1. Dezember. Und so wurden im Projekt konkrete Elemente des Übergangsmanagements diskutiert und erprobt, die ebenfalls auf der Ergebniskonferenz vorgestellt wurden. Eine besondere Rolle spielte das sogenannte Case Management, d.h. eine intensive Einzelbetreuung der Strafgefangenen über die gesamte Haftzeit hinweg. Neben der gemeinsamen Betrachtung der persönlichen Problemlage erhalten letztere hierbei beispielsweise die Möglichkeit, sich mittels eines Selbsteinschätzungsbogens auf einer Skala von 1 bis 10 selbst einzuschätzen und sich ein Bild des eigenen bisherigen Lebenslaufes zu machen. Die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter von OASIS machten dabei die Erfahrung, dass diese Bewertung oft eine kritische Selbsteinschätzung der Häftlinge mit sich bringt, die zum Umdenken bewegt. Auch eine im Rahmen des Case Managements mit den Häftlingen erstellte sogenannte Netzwerk- und Ressourcenkarte hilft straffälligen Menschen oft dabei, Ziele und Pläne für die Zukunft in Freiheit zu verwirklichen. Denn erst, wenn sie sich darüber bewusst sind, wen sie alles kennen – sei es familiär, formell oder informell – erkennen sie die Möglichkeiten, die sie aus ihren Kontakten schöpfen können. Insgesamt ging es bei der Erprobung des Casemanagement-Modells nicht nur um die Betreuung der Inhaftierten, sondern auch die Arbeitsabläufe der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu optimieren. Und das funktioniert: Beteiligte Kräfte loben den strukturierteren Ablauf in der Zusammenarbeit mit dem Klienten sowie die Möglichkeit, schneller auf Defizite und auftretende Probleme reagieren zu können. Zwar sei das Modell noch in der Entwicklungsphase, jedoch sei schon jetzt klar: Eine erfolgreiche Umsetzung des Casemanagement-Models bedürfe neben engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insbesondere einer anstaltsinternen Teamstruktur, die darüber hinaus auch einen anstaltsübergreifenden Austausch zwischen den einzelnen Case Managerinnen und Case Managern ermöglicht, um die Qualität, die in der Entwicklungsphase erreicht wurde, zu halten, so die anwesenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Nicht zuletzt sei es zudem von großer Bedeutung, dass die entsprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als anerkannte Casemanager zertifiziert werden.

Ein weiterer Kernbereich des von OASIS vorgeschlagenen Übergangsmanagements betrifft das Thema Profiling. Hierbei wurde gemeinsam mit der Einweisungsabteilung des Berliner Männervollzugs ein Interviewleitfaden entwickelt, um gleich zu Beginn der Haftzeit in einem Face-to-Face-Interview Kompetenzen, Motivation, Umgang mit Finanzen, Werdegang, Interessen, Freizeitmöglichkeiten, Zukunftsvorstellungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten abzufragen. Die Auswertungsergebnisse werden anschließend zu einer Empfehlung zusammengefasst und im Vollzugsplan des einzelnen Strafgefangenen eingearbeitet. Ein solches Profil, ermöglicht Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, Defizite und Kompetenzen zu erkennen, einen individuellen Vollzugs- und Integrationsplan auszuarbeiten und erkannten Problemen effektiver entgegenzusteuern. Ziel ist es, die Inhaftierten zu motivieren und ihnen zu vermitteln, dass Vollzug nicht nur Strafe ist, sondern auch die Chance für Resozialisierung sein kann.

Um das Übergangsmanagement in den Haftanstalten weiter zu optimieren, hält OASIS darüber hinaus eine verstärkte Netzwerkarbeit für nötig. So gebe es viele wirkungsvolle Projekte, Maßnahmen und Vorgehensweisen, die aber vollkommen unabhängig voneinander agierten. Es gelte jedoch, sich häufiger über die Schultern zu schauen, da erst durch eine verstärkte Vernetzung, Absprache und durch intensiven Erfahrungsaustausch eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den entscheidenden Akteurinnen und Akteuren entstehen kann.

 

 

 



Transnationaler Austausch

Wie wichtig ein Erfahrungsaustausch auch über die Grenzen Deutschlands hinweg sein kann, bewiesen die transnationalen Aktivitäten von OASIS. Denn Übergangsmanagement spielt in ganz Europa eine Rolle und so schauten die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer über den Tellerrand und erkundigten sich im Rahmen sogenannter study-visits in Strafvollzugsanstalten in Großbritannien, Finnland, Holland, Dänemark und der Schweiz über die dortigen Methoden und Vorgehensweisen. Bei ihren study-visits machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer viele lehrreiche Entdeckungen, die ihnen für ihre weitere Arbeit wichtige Impulse verleihen werden. Sie informierten sich dabei beispielsweise über spezielle Bildungsangebote für Untersuchungsgefangene im dänischen Strafvollzug, Motivationsprojekte in Holland, die Zusammenarbeit mit externen Institutionen in Großbritannien oder die institutionalisierte Kooperation zwischen Strafvollzug und Bewährungsstrafe in Finnland. Dank der Informationsreisen konnten Praxisbeispiele identifiziert werden und in die OASIS-Empfehlungen einfließen.

Wie geht es weiter?

In Anbetracht der Bedeutung des Themas Übergangsmanagement in Vollzugsanstalten ist es von großer Wichtigkeit, dass alle Beteiligten weiterhin an einem Strang ziehen und die geschaffenen Strukturen und

Überlegungen verfestigen. Und so hatte die Veranstaltung am 1. Dezember auch noch eine historische Überraschung zu bieten: die feierliche Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung zwischen den Justizvollzugsanstalten und den Sozialen Diensten des Landes Berlin. Mit der neuen Kooperationsvereinbarung im Rücken, wird das Nachfolgeprojekt TRANSIT, welches die Bemühungen von OASIS weiterentwickeln soll, sicherlich einen großen Teil dazu beitragen, das Übergangsmanagement in den Berliner Vollzugsanstalten zu optimieren und dabei ein positives Zeichen in Europa zu setzen.

Stimmen zur Veranstaltung

Wie können Ihrer Meinung nach straffällig Gewordene besser reintegriert werden – sei es sozial oder arbeitsmarktlich?

Dr. Gero Meinen – Senatsverwaltung für Justiz: Ich glaube, dass wir uns zunächst mit den Kompetenzen aber auch mit den Defiziten – gerade im Hinblick auf Arbeitsmarktorganisation – besser auseinandersetzen müssen. Wir müssen ein anderes Bild unserer Inhaftierten bekommen und müssen sie als Menschen wahrnehmen, die auch tatsächlich in der Lage sind – wenn vielleicht jetzt noch nicht, aber in der Zukunft – Gutes zu leisten und einer vernünftigen Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich glaube, dass der Musterentwurf für ein Landesstrafvollzugsgesetz dort Instrumentarien erst einmal umschreibt – sei es die Arbeitstherapie, das Arbeitstraining oder die schulische und berufliche Qualifikation – und das diese gute Meilensteine sind, die natürlich aber auch deswegen in den Musterentwurf eingeflossen sind, weil wir über das Projekt OASIS als Teil von Xenos auch immer mehr in die Details der Fragestellungen hineingeblickt haben. Hier wächst im Moment etwas sehr Schönes zusammen – nämlich, dass wir die Kompetenzen der Kolleginnen und Kollegen aus den Anstalten, die sich im Rahmen von OASIS mit diesen Fragen praktisch beschäftigt haben, auf eine gesetzliche Ebene heben können. Das ist m.E. an für sich auch die schönste Form an Herstellung von Nachhaltigkeit in diesem Bereich.

Ludwig Auer – Justizvollzugsanstalt Moabit: Sie können sozial besser integriert werden, wenn wir vor Ort in den Anstalten genau herausfinden, welche Störung vorliegt – z.B. auf der psychosozialen Ebene. Auf der anderen Seite müssen wir herausfinden, welche Qualifikationen der Mann oder die Frau noch erreichen müsste, um anschließend auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar zu sein. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, dass eigentlich die Vermittlung in Arbeit als stetige anschließende berufliche Tätigkeit das Wichtigste von allen ist – wenn wir also einen Entlassenen haben, der über eine Arbeit verfügt, dann haben wir schon 80 % Erfolg.

Dr. Uwe Meyer-Odewald – Offener Vollzug Berlin: Man kann schon eine Menge tun: Man kann insbesondere Strukturen einziehen, die den Häftlingen helfen, mit Konflikten umzugehen, ohne straffällig zu werden. Denn genau dabei sind sie ja gescheitert. Das Problem hat zwar jeder Mensch – nicht nur Gefangene – nur dass wir es in der Regel besser gelernt haben, damit umzugehen. Deshalb müssen Strukturen geschaffen werden, die zeigen, wie ich es lerne, Konflikte am Arbeitsplatz ohne Handgreiflichkeit zu erledigen. Hinzu gibt es noch Möglichkeiten, Antigewaltkurse zu belegen. Man darf dabei natürlich die Messlatte nicht zu hoch schrauben. Aber der Vollzug sollte versuchen, das zu richten, was früher schief gegangen ist – denn entweder hat es in der Familie nicht funktioniert, mit der Schule nicht und schließlich auch mit der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht. Der Vollzug kann diese Auseinandersetzung mit den Gefangenen erproben – dazu gehört natürlich, dass diese Auseinandersetzungen möglichst lebensnah erfolgen, weshalb eine Außenorientierung so wichtig ist. Denn nur draußen sind die Probleme – im Gefängnis gibt es sie zwar auch, das sind aber nicht die Probleme, die die Gefangenen ins Gefängnis gebracht haben.