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Bericht zur Fachtagung „Entrepreneurship – Handlungskompetenz in Schule und Beruf“

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Das GIC mobilisiert und motiviert junge Menschen zwischen 17 und 27 berufliche Selbstständigkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit wahrzunehmen. Doch wie kann die Vermittlung von unternehmerischen Kompetenzen systematisch in den Berufsbildungsprozess junger Menschen eingebettet werden? Diese Frage wurde auf der Fachtagung mit ExpertInnen und GründerInnen diskutiert, den Bericht dazu finden Sie hier...

Bericht zur Fachtagung des XENOS-Projektes „GIC – Das GründerInnenCamp“ am 14. November 2011

„Wie lange sind Sie schon selbstständig?“, erkundigte sich die junge Frau beim ebenfalls anwesenden freischaffenden Journalisten, der natürlich bereitwillig Auskunft gab und seine Visitenkarte reichte. „Seit Anfang 2007. Am Anfang war es sicherlich nicht leicht – es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, ständig am Ball zu bleiben und Kontakte zu knüpfen“, antwortete er. Seit einem Jahr schon ist auch die junge Frau mit Migrationshintergrund als Grafikdesignerin und Fotografin selbstständig und versucht auf eigenen Beinen zu stehen. Ihre Kontaktfreudigkeit und ihr brennendes Interesse für ihr Fachgebiet werden ihr sicherlich weiterhelfen auf ihrem Weg zur Unternehmerin – denn bereits soeben hat sie einen neuen wichtigen Kontakt gesammelt und ihr Netzwerk ein Stück weiter gesponnen – und wer weiß, vielleicht bekommt sie ja demnächst einen Auftrag, da der besagte Journalist momentan an einem Projekt arbeitet, bei dem er jede Hilfe gebrauchen kann.

Das Kontaktgespräch der beiden Medienschaffenden konnte nirgends besser stattfinden als auf der Veranstaltung am 14. November, bei der es darum ging, eigenverantwortliches unternehmerisches Handeln zu stärken – was die beiden jungen Menschen schon richtig angingen. Das XENOS-Projekt „GIC – Das GründerInnenCamp“ hatte an diesem Tag zur Fachtagung mit dem Titel „Entrepreneurship – Handlungskompetenz in Schule und Beruf“ geladen, um mit Lehrkräften, Ausbilder/innen, Personalverantwortlichen in Unternehmen und Vertreter/innen aus Politik und Verwaltung zu diskutieren, wie junge Menschen stärker dabei unterstützt werden können, sich selbstständig zu machen. Das Projekt GIC richtet sich insbesondere an Jugendliche und junge Erwachsene mit Startschwierigkeiten auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt und vermittelt wichtige Kompetenzen, um den Weg ins Unternehmertum zu bewerkstelligen.

Vortrag von Uğur Zel lässt Zuhörer staunen

Im 45-minütigen Input-Referat des türkischen Universitätsprofessors (Doğus Iniversity) und Bildungsmanagement-Coach Uğur Zel, ging es zuvorderst darum, den Begriff Entrepreneurship zu definieren und dabei die Unterschiede zwischen „normalen Geschäftsleuten“ und „außergewöhnlichen Entrepreneurs“ hervorzuheben. So seien Menschen, die sich selbstständig machen, nicht gleich auch Entrepreneurs, denn letztere schaffen bzw. kreieren Nachfrage, während Geschäftsleute Nachfrage befriedigen. Im Hinblick auf diese Unterscheidung betonte Zel, dass Entrepreneurs über bestimmte Charakteristika wie starkes Selbstbewusstsein und erhöhte Risikobereitschaft verfügen müssen, um den Weg zum eigenen Unternehmen erfolgreich beschreiten zu können.

Zur Analyse der weltweiten Wahrnehmung von Entrepreneurship als Karrieremöglichkeit präsentierte der Universitätsprofessor den globalen Entrepreneuership-Bericht, der in drei Kategorien aufgeteilt ist: in Entwicklungsländer, in Schwellenländer und in Industrienationen. Betrachte man die Statistik der einzelnen Länder, so komme Erstaunliches zu Tage, so Zel. Und tatsächlich: Die Ergebnisse zeigen, dass die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen, in Entwicklungsländern stärker wahrgenommen wird als in Industrienationen. So befinden sich 22,8 % von 100 Unternehmen in Entwicklungsländern in der Gründungsphase, wobei der Prozentsatz in Industrieländern lediglich 5,6 % beträgt. Daraus folgend befinden sich auch nur etwa 10 % der Start-up-Unternehmen in Industrienationen, was den Schluss zulässt, dass je höher das BIP liegt, desto niedriger die Bereitschaft ist, ein Unternehmen zu gründen.

Nach der Vorstellung des globalen Berichts konzentrierte sich Zel auf den Vergleich zwischen der Türkei und Deutschland und identifizierte kulturelle und soziale Normen als Hindernis für eine weitere Ausprägung von Entrepreneurship, hob aber die kommerzielle Infrastruktur beider Länder als förderlich hervor. Bei seiner Fokussierung auf die Türkei betonte der Universitätsprofessor jedoch, dass sich die Situation in der Türkei seit den letzten Jahren erheblich verbessert habe. So integrieren das Bildungsministerium und der Rat der Hochschulbildung seit 2001 sogenannte Wahlfächer für Entrepreneurship an berufsbildenden Schulen sowie entsprechende Kurse an den Sekundarschulen. Darüber hinaus verfügen rund 1/3 der 200 türkischen Universitäten über ein Zertifizierungsprogramm für Entrepreneurship – andere gründen Entrepreneurship-Clubs oder veranstalten Gründer-Wettbewerbe.

Im abschließenden Teil seines Vortrags ging Zel nun auf die anfangs erwähnten persönlichen Eigenschaften von Entrepreneurs ein. So schlussfolgerte er, dass Entrepreneurship etwas mit der Persönlichkeit zu tun hat, die nicht von jemand anderem beeinflusst werden kann. So seien Risikofreudigkeit, Selbstbewusstsein, Kreativität und Führungspersönlichkeit Aushängeschilder von Entrepreneurs – jedoch sei auch vor allem der erste Schritt von großer Bedeutung. „Was aber ist die Motivation für diesen ersten Schritt“, fragte Zel die anwesenden Zuhörer/innen. Die Antwort liefert eine Studie der Oxford-Universität: Dieser zur Folge ist Unabhängigkeit die größte Motivation, gefolgt von gesuchter Herausforderung. Aber auch sich selbst zu überzeugen, dass man erfolgreich sein kann, und natürlich Geld spielen bei der Entscheidung zum Unternehmertum eine wichtige Rolle.

Last but not least präsentierte Zel sein Modell für Entrepreneurship, wobei er auch daran erinnerte, dass staatliche Förderungen und Unterstützungsprogramme von großer Bedeutung sind. Er unterteilte sein Modell in drei Phasen und zeigte, wie die Regierung Entrepreneurship fördern kann. In der ersten Phase wird das Bewusstsein für Unternehmertum geweckt, welches durch Bildung, Ausbildung und Coaching unterstützt werden sollte. In der 2. Phase entsteht der Instinkt bzw. Drang, etwas zu unternehmen, wobei es gerade hier gilt, junge Meschen, die sich selbstständig machen wollen, zu identifizieren und zu locken. In der 3. Phase schließlich muss der angehende Entrepreneur den entscheidenden ersten Schritt machen – unterstützt und monetär gefördert durch den Staat.

Die Round-Table-Gespräche

Im Anschluss an den Vortrag durch Professor Zel waren die Teilnehmer/innen dazu aufgefordert, sich in drei Gruppen aufzuteilen, um in sogenannten Round-Table-Gesprächen verschiedene Fachthemen zu diskutieren.

Tisch 1 diskutierte die Chancen für die Integration von Bildungsangeboten zum Erwerb entrepreneurial skills und kam zu dem Ergebnis, dass Projekte wie das Kreativlabor, Schülerfirmen oder „Schule kann mehr“, in denen sich Jugendliche als Selbstständige ausprobieren und wichtige Kompetenzen zum unternehmerischen Handeln lernen können, gute Chancen bieten. Einigkeit herrschte darüber, dass das benannte Thema und dessen Implementierung in den Unterrichtsalltag nicht dazu dienen sollen, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler in die Selbstständigkeit gehen. Vielmehr wirken sich die Softskills wie „Verantwortung für sein eigenes Projekt zu übernehmen, (Personal-)Verantwortung auch für Mitarbeiter/innen zu übernehmen, Risiken einschätzen zu lernen etc.“ auf alle Bereiche des Berufs- und Alltagslebens aus und sind damit auch wichtige Bausteine für soziales Handeln. Des Weiteren waren die Teilnehmer/innen der Auffassung, dass unternehmerisches Handeln auch eine wichtige „Gabe“ für Angestellte in einem Betrieb sei.

Jedoch forderten die Teilnehmer/innen mehr Öffentlichkeitsarbeit für die Projekte, damit diese auch von Verantwortlichen besser wahrgenommen werden. Zudem plädieren sie für eine stärkere Vernetzung der einzelnen Projekte und die grundsätzliche Aufnahme des Themas Selbstständigkeit in die Lehrpläne der Schulen.

Tisch 2 beschäftigte sich mit der Frage, welche Rolle entrepreneurial skills in der Ausbildung spielen. Die Diskutierenden kamen zu dem Schluss, dass diese gerade in der Ausbildung stärker vermittelt werden müssten, da für immer mehr Berufe auch eine selbstständige Tätigkeit infrage komme (Beispiele: Medienberufe, Friseur etc.). Unternehmerische Kompetenzen seien in diesem Falle entscheidend und Eigenschaften wie Mut, Empathie, Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit, Selbstmanagement, Geduld, Durchhaltevermögen oder Teamarbeit müssten während der Ausbildung in praxisnaher Projektarbeit gestärkt werden. Um dieses zu erreichen, schlägt Tisch 2 vor, dass sich die Ausbilder/innen regelmäßig Zeit nehmen müssten für ein Feedback an die Azubis, dass das Mentorenprogramm für Benachteiligte (Patenmodell) weiterentwickelt, ein Existenzgründer-Modul als Lernfach integriert, projektbasiertes Learning-by-Doing angewendet und Partnerschaftsunternehmen, Ausbildungsbetriebe sowie Berufsschulen regelmäßig evaluiert werden. Darüber hinaus sollten in der Berufsschule die Fächer Wirtschaft- und Sozialkunde mehr Gewicht erhalten.

Tisch 3 setzte sich als Schwerpunktthema „Learning by doing – Gründen auf Probe“ und stellte schnell fest, dass es vor allem gilt, bei jungen Menschen Interesse zu wecken und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie sich einbringen können. Wichtig dabei ist, Jugendlichen Infrastruktur (z.B. Arbeitsplatz mit funktionierender Technik) zu bieten, damit diese sich ohne finanzielles Risiko ausprobieren können. Wie im Projekt GIC muss den angehenden Entrepreneurs dabei signalisiert werden, dass sie Unterstützung bekommen, wenn sie eine Idee verwirklichen wollen. Unsicherheiten auf Seiten der Jugendlichen sollten dabei durch Workshops bekämpft werden und interkulturelle Kompetenzen stärker als Chance und Stärke wahrgenommen werden.

Das Podiumsgespräch: „Angestellt oder selbstständig? Sowohl als auch!“

Beim abschließenden Podiumsgespräch diskutierten Vertreter/innen aus Politik, Verwaltung und vor allem Unternehmer/innen über die gestiegene Bedeutung unternehmerischer Kompetenzen im Arbeitsalltag und stellten dabei fest, dass Entrepreneurship mehr als Unternehmensgründung und effiziente Nutzung von Ressourcen ist. Vielmehr schließe Entrepreneurship die Identifizierung von Chancen, das Finden neuer Ideen und deren Umsetzung in Geschäftsmodelle ein und sei so ein wichtiges grundsätzliches Element der beruflichen Bildung von jungen Menschen. Besonders im Hinblick darauf, dass berufliche Biografien künftig nicht mehr gradlinig sind und die arbeitende Bevölkerung zwischen Phasen des Angestelltenseins und Unternehmertums wechselt, müssen Jugendliche schon früh ausreichend Qualifikationen vermittelt bekommen, die es erlauben, gleichzeitig als Unternehmer und als Angestellter zu agieren. Zudem erfordern moderne Arbeitsplätze zunehmend selbstständiges und projektbezogenes Handeln der Angestellten und setzen Grundwissen des Entrepreneurship voraus.

Folglich kamen die Experten zu dem Schluss, dass Entrepreneurship mehr in den Schulen behandelt werden muss, um nicht zuletzt auch die Fantasie der Jugendlichen anzureichern. Schule müsse dabei realitätsnäher werden und das Lehrpersonal sich stärker mit der heutigen Wirtschaft auseinandersetzen. Oft sei dieses schlichtweg überfordert, die Schüler/innen richtig auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, da es selbst jahrelang keinen wirklichen Kontakt zur Wirtschaft hatte, bemängelt beispielsweise Dr. Peter Beckers, stellvertretender Bürgermeister und Stadtrat für Wirtschaft, Bürgerdienste und Ordnungsamt in Friedrichshain-Kreuzberg. Darüber hinaus bekräftigten Teile des Podiums die Meinung, dass auch Unternehmen stärker gefordert sind, früher in Schulen vorstellig zu werden. Diesem wurde jedoch von Teilen des Publikums widersprochen – mit der Begründung, dass ein viel beschäftigter Unternehmer gar nicht die Zeit fände, regelmäßig Schulen zu besuchen und sein Know-how zu vermitteln.

Aufgrund des Fachkräftemangels und der Unwägbarkeit der ökonomischen Entwicklung, befindet sich derzeit vieles im Umbruch und es findet ein Umdenken in Wirtschaft und Gesellschaft statt, welches einhergeht mit einer Anpassung der Arbeitsmarktpolitik. Gelingt es dabei – so das abschließende Fazit des Podiums – Entrepreneurship stärker in den Wandlungsprozess zu integrieren, bedeutet dieses sicherlich einen großen Gewinn für Arbeitswelt, Motivation und Gesellschaft.

Langsam neigte sich die Veranstaltung dem Ende zu und die Teilnehmer/innen nutzten die Zeit des Ausklangs bei einem kleinen Imbiss und Musik, um sich nochmals angeregt über die zurückliegende Veranstaltung zu unterhalten. Während der Journalist vom Beginn schon längst zum nächsten Termin geeilt war, schoss die frisch selbstständige Grafikdesignerin und Fotografin immer noch fleißig Bilder – denn auch sie bewies bis zum Schluss unternehmerische Kompetenz.

 

 

Stimmen zur Veranstaltung

Inwiefern ist Entrepreneurship ein wichtiges Element der beruflichen Bildung junger Menschen?

Reinhard Zurgeissel, AJB GmbH, Allgemeine Jugendberatung: Es ist wichtig, weil es die jungen Menschen befähigt, eigene Ideen und Gedanken zu verwirklichen und als Teil ihrer beruflichen Perspektive zu erkunden. Man muss den jungen Menschen die Möglichkeit geben, ihre eigene Idee zu diskutieren und dabei berücksichtigen, dass auch diese jungen Menschen erst noch lernen müssen, ihre Ideen umzusetzen. Die Idee muss also diskutiert und bei der Umsetzung müssen Hilfestellungen geleistet werden – und das wäre durchaus auch Aufgabe von Schule oder auch von Betrieben, hier einen neuen Ansatz in ihrem jeweiligen Kolloquium aufzunehmen.

Jörg Schrick, KIDS & CO g.e.V./Unternehmensberater: Es ist sehr wichtig, da nicht alle nur Angestellte werden können. Wir brauchen in diesem Land auch Leute, die unternehmerisch denken und Unternehmer werden wollen – das gehört zu einer Kultur, wie sie in diesem Land vorzufinden ist, einfach dazu. Ansonsten haben wir hier in Deutschland eine zu starke Beamtenmentalität – sprich: Ich will kein Risiko eingehen und ich will einen sicheren Job haben. Damit ist es aber langfristig nicht getan, sondern wir brauchen tatsächlich auch Leute, die Deutschland voranbringen und eine gewisse Unternehmenskultur aufbauen wollen.

Heike Drescher, Bildungswerk der Wirtschaft Sachsen-Anhalt e.V./Projektleiterin Existenzgründung: Ich halte es für sehr, sehr wichtig. Aus meinem Blickwinkel muss die Vermittlung unternehmerischer Kompetenzen tatsächlich schon in der Realschule anfangen und in der Berufsschule fortgeführt werden. Ich komme aus Sachsen-Anhalt und die Diskussion führen wir dort auch schon ganz lange. Es gibt bisher sicher gute Ansätze, aber es ist bei Weitem noch nicht da, wo es eigentlich hin müsste. Eine stärkere und frühere Sensibilisierung für das Thema Existenzgründung ist daher von großer Bedeutung.

 

Autor: Patrick Schneider im Auftrag von XENOS Panorama Berlin

 

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